DRÖGEN UND ENDOGENES MORPHIN
Die norwegische Stadt Trondheim ist vor allem bekannt für ihren Fussballklub und Landesrekordmeister Rosenborg BK, für die imposante Kirche Nidarosdom und selbstverständlich für den Sykkelheisen Trampe, den ersten Fahrradlift der Welt, welcher seit 1993 auf einer Länge von 130 Metern trampfaule Velofahrer:innen auf einer 18 Prozent steilen Strasse namens Brubakken hochschleppt.
Für mich persönlich ist Trondheim aber in erster Linie die Stadt, in der Håkon Bertheussen seine Firma Bertheussen IT gegründet hat. Denn der Informatiker Bertheussen entwickelte 2010 ein Multiplayer-Handyspiel, welches mich seit ein paar Jahren tagtäglich begleitet. Es heisst Wordfeud. Ich denke an Wordfeud, wenn ich morgens noch im Bett liege. Und ich denke daran, wenn ich ins Bett gegangen bin und schon schlafe. Tagsüber spiele ich Wordfeud auf meinem Handy.
Das Spiel funktioniert wie das allseits bekannte Brettspiel Scrabble: Man zieht sieben zufällige Buchstaben und versucht, mit diesen auf einem Spielbrett Wörter zu legen. Doch Wordfeud ist Scrabble auf Speed, denn das Spielbrett ist nicht fix, sondern bei jeder Partie anders. Dies erfordert immer neue Spielstrategien und bietet ungeahnte Möglichkeiten, satt Punkte zu machen.
Ich spiele Wordfeud gegen zwei Freunde und eine mir unbekannte Frau namens Lexika. Man tätigt seinen Spielzug, dann wartet man, bis die Gegnerin oder der Gegner einen Zug ausführt. Das dauert manchmal länger, manchmal kürzer, doch immer ist die Vorfreude gross, wieder am Zug zu sein. Ich denke, pro Tag investiere ich eine halbe Stunde in Wordfeud (eine eher konservative Schätzung, es kann durchaus auch etwas mehr sein, weniger allerdings kaum). Doch diese Zeit ist nicht verloren oder verschwendet oder verplempert. Im Gegenteil. Jede in Wordfeud investierte Minute ist eine gewonnene Minute. Denn Wordfeud mag zwar ein Spiel sein, doch ich verbuche diese halbe Stunde meinem nach Fleiss strebenden Gewissen gegenüber als Arbeitszeit. Schliesslich hat Wordfeud mit Buchstaben und Wörtern zu tun; und ich lerne immer wieder etwas Neues. Zum Beispiel, welche Wörter Duden-konform sind – und welche nicht. Dass etwa Nachtruhe existiert, Tagruhe jedoch nicht, hingegen kennt man keine Ruhenacht, den Ruhetag aber sehr wohl.
Obendrein ist Wordfeud Fitness für die Birne! Ein hocheffizientes Training für Kurz- und Langzeitgedächtnis sowie die kognitiven Fähigkeiten; darüber hinaus stärkt das Spielen auch die soziale Kompetenz. Eigentlich müsste Wordfeud vom Bundesamt für Gesundheit landesweit propagiert werden. Und das Spiel verhilft einem zu endogenem Morphin (kurz Endorphin genannt). Als ich etwa DRÖGEN so legen konnte, dass ich dafür 612 Punkte kassierte, entfuhr mir ein Jubelschrei, der bis Trondheim zu hören war. DRÖGEN!
Daran denke ich immer wieder gerne. Wordfeud fördert aber nicht nur die Endorphinausschüttung, sondern auch die Empathiebildung, denn man spielt und gewinnt ja gegen real existierende Gegner und Gegnerinnen. Echte Menschen also. So ist es immer wieder schön, einem transreligiösen Pfarrer gleich tröstende Worte zu finden für einen der besiegten Freunde, der ob der Niederlage leidet. Und gerne würde ich noch weiter an dieser Kolumne arbeiten, aber ich muss nun leider Wordfeud spielen. Vielleicht werde ich das Wort FAHRRADLIFT legen können. Das wäre schön, auch wenn es nicht zählt, denn dieses Wort steht nicht im Duden – und wird wohl auch nie seinen Weg dorthinein finden.