ZYLINDRISCHE OBJEKTE
Nur die wenigsten und edelsten Spinner sagen von sich, dass sie spinnen. Ich denke, es ist sogar ein wichtiger Hinweis darauf, dass jemand spinnt, wenn er behauptet, er spinne nicht. Je vehementer er dies behauptet, desto grösser ist sein Minus an Tassen im Schrank.
Ich für meinen Teil halte mich absolut nicht für einen Spinner. Ich bin ein verträumter Realist oder ein realistischer Träumer, sehe die Dinge nüchtern, wie sie sind, nicht aber ohne eine gewisse Wehmut, dass sie nicht anders sein können.
Dazu gehört auch das Wissen, dass manche Dinge gar nicht existieren. Der «Bölimaa» etwa. Oder Gott. Oder Ausserirdische. Und trotz dieses Wissens blitzt manchmal eine leise Hoffnung durch, dass es diese Dinge doch geben könnte.
Als ich in der Zeitung las, dass im Himmel über Nordamerika ein Militärflieger ein mysteriöses Flugobjekt abgeschossen hatte, über das nichts bekannt war, ausser dass es sich um ein «Objekt mit zylindrischer Form» gehandelt habe, welches über dem Huronsee flog, da dachte ich: «Huronsiech! Ein zylindrisches Objekt!» Denn die Begriffe «zylindrisch» und «Objekt» in Kombination beflügelten meine Fantasie. Und ich musste sofort an EvD denken. So nennt sich kurz und bündig Erich von Däniken. EvD ist ja so etwas wie eine schlitzohrig-clevere und hemdsärmlig-businessorientierte Ur-Version eines Schwurblers und Verschwörungstheoretikers. Seine These kondensiert: Wir Menschen sind Produkte von Genexperimenten von Ausserirdischen, die uns vor Urzeiten heimsuchten. Kamen die nun zurück?
Ich erinnere mich, wie ich EvD zum Interview traf, 1997, vor einem seiner damals durchs Band ausverkauften Dia-Vorträge, in der Nähe von Darmsheim in Deutschland drüben. Ein charismatischer Kettenraucher, der Camel schlotete und mit schelmischem Grinsen sagte: «Rauchen ist gesund!» Man glaubte es ihm sofort, denn: Wäre es nicht schön, dem wäre wirklich so? Warum sich nicht der Hoffnung hingeben, anstatt der langweiligen und lustfeindlichen Realität hinterherzutrotteln? Als er einst nach seinem Lieblingsrestaurant gefragt wurde, gab er zur Antwort: «Pianobars.» Sein Lebensmotto? «Ich bin, wie ich bin. Die einen kennen mich. Die anderen können mich.» Und lächelnd sagte er stets, er behaupte nichts; er stelle bloss Fragen! Denn irgendwann hatte er begriffen: Je mehr Fragen man stellt, desto weniger Antworten will man hören.
EvD-Fan war ich schon in meiner Kindheit, denn er war ein effizientes Werkzeug, um unseren Pfarrer im Religionsunterricht auf die Palme zu bringen. Natürlich wusste ich bereits damals, dass seine Theorien hanebüchen sind, doch diese im Unterricht vorgebracht verwandelten den sonst so besonnenen Gottesmann zu unser aller Belustigung in einen keifenden Wüterich. Bis ich es wohl zu weit trieb und er mir seine Subkontrabassblockflöte über den Schädel zog. Eine Art der Züchtigung, die damals in jenen Kreisen gang und gäbe war. Heute könnte der Pfarrer so etwas natürlich nicht mehr bringen – auch deshalb, weil er längst von seinem obersten Boss von seinen irdischen Aufgaben abberufen wurde.
Beim Frühstück hörte ich im Radio, Joe Bidens Sprecherin habe sich zu den Abschüssen der mysteriösen Objekte geäussert, ohne dabei konkret zu werden. Aber: Man könne ausschliessen, dass die Objekte ausserirdischen Ursprungs seien. Ich spürte Erleichterung, als ich dies vernahm, aber auch leise Enttäuschung. Und die Hoffnung auf den Glauben daran, dass sein könnte, was nicht sein kann, sie wurde kleiner...aber nicht schwächer.