ZAHLENPOESIE
Ich weiss, man unterscheidet heute nicht mehr hart zwischen Mann und Frau, die Geschlechtergrenzen sind fliessend wie ein sämiges Moitié-Moitié-Fondue, aber trotzdem stelle ich noch immer gewisse Unterschiede fest, zumindest bei Wesen älteren Produktionsdatums. Einer dieser Unterschiede betrifft das Verhältnis zu Zahlen in Verbindung mit Freizeitaktivitäten, genauer dem Velofahren. Treffen sich zwei männliche Velofahrer, so sind nämlich all die schönen Worte, welche sie austauschen, bloss Vehikel, um die wirklich wichtigen Botschaften an den Mann zu bringen: Zahlen.
Die allerwichtigste Zahl dabei sind die Kilometer, die man im Jahr mit seinem Fahrrad zurückgelegt hat. Sie definiert den Grad des Nimbus eines jeden Hobbyradlers. Es gibt aber auch weniger wichtige Zahlen, die wichtig sind: etwa die Anzahl von Velos, die man besitzt, oder das Gewicht seines als Gefährt daherkommenden Gefährten – wobei zwingend anzufügen ist, ob das Velo mit oder ohne Pedale gewogen wurde. Das eigene Gewicht hingegen geht gerne vergessen. Dabei wäre es für viele Gümmeler um einiges kostengünstiger, selber hundert Gramm abzunehmen, anstatt das Velo abzuspecken, indem man etwa einen Lenkervorbau der Konstanzer-Leichtbauschmiede Schmolke montiert (81Gramm, 620Euro).
Mir sind Zahlen suspekt, aber ich erkenne ihren Wert, denn ich weiss, dass sie erfunden worden sind, damit Männer miteinander kommunizieren können. Männer haben Probleme, über Gefühle zu sprechen. Gefühle sind trügerischer Natur, da diffus. Zahlen hingegen sind absolut und die daraus ableitbaren «Gefühle» belegt und bewiesen bis hinter das Komma genau. Nach einer Velofahrt kann man erst wissen, wie sie gewesen ist, nachdem man seinen Fahrradcomputer ausgewertet hat. Man sagt nicht, die Fahrt von A nach B sei «schön wie ein Ritt durch den bunten Zauberwald von Enid Blyton auf MDMA» gewesen, sondern: «Ich benötigte 12 Minuten, 18 Sekunden.»
Ich halte mit Zahlen gerne hinter dem Berg. Das hat nichts mit Bescheidenheit zu tun, sondern damit, dass ich erstens eine Pflaume bin und zweitens in meiner Gümmeler-Buchhaltung die in Natur gefahrenen Kilometer mit jenen vermenge, die ich winters auf dem Hometrainer abstrample.
Und ich möchte deswegen nicht das Naserümpfen im Gesicht des Gegenübers sehen, denn bei Eingefleischten ist eine solche Vermengung eine unheilige Verunreinigung. Da gilt bloss die draussen auf den Strassen zurückgelegte Kilometerleistung. Doch in den eigenen vier Wänden auf der Rolle zu strampeln, bietet viele Vorteile: Man kann sich nicht verfahren. Man kann fernsehen, während man «fährt». Man friert nicht an den Füssen; auch nicht an den Fingern. Man ist da, wenn der Kurier klingelt, der das Paket von Rapha liefert. Man muss nie bremsen. Das Allerbeste: Man muss nichts denken, in keiner Sekunde. Zudem gibt es in der trauten Stube relativ wenige SUVs, die einen über den Haufen fahren wollen.
Öffentlich würde ich es zwar niemals zugeben, aber: Zu Hause ist es am schönsten. Und nach dem Indoortraining sitzt man erschöpft, zufrieden und faul auf der Ofenbank, in einer Fahrradzeitschrift blätternd, ein Idyll wie von Albert Anker gemalt.
Im Heftli dann den Testbericht des Stoll S1 Race studieren – Gewicht: 6,6Kilo*; Lenkkopfsteifigkeit: 102Nm/°; Tretlagersteifigkeit: 61N/mm; benötigte Leistung, um den Luftwiderstand bei 45km/h zu überwinden (gemessen im Windkanal mit einem tretenden Beindummy): 222Watt.
*ohne Pedale