Max Küng unterwegs nach «Furz»: Mein neues Leben mit dem Gravelbike
Vor Jahren lag mir ein Freund in den Ohren. Er meinte, ich solle, ja müsse dringendst eines dieser damals neu auf dem Markt erschienenen Gravelbikes kaufen! Denn so ein Gravelbike sei echt eine eierlegende Wollmilchsau mit zwei Rädern.
Ich lachte ihn aus. «Das ist doch bloss ein weiterer Marketingfurz der Industrie», sagte ich ihm, «um sich in deinem Velokeller zwischen das Rennvelo und das Mountainbike zu zwängen und dir das Geld aus dem Portemonnaie zu klauben! Nicht mit mir! Ich bin doch nicht doof!»
Für alle, die mit der Materie (noch) nicht vertraut sind: Ein Gravelbike ist – grob gesagt – ein robustes Rennvelo mit dickeren Pneus mit mehr Profil sowie einer gerne etwas entspannteren Geometrie. Deshalb ist es bis zu einem gewissen Grad geländegängig. Vor allem nicht zu schwieriges Terrain und Strassen mit Belag aus Grien sind sein bevorzugtes Einsatzgebiet.
Es geht also nicht wie beim Rennvelofahren um Aerodynamik, Gewicht und Effizienz auf glattem Asphalt, sondern darum, rentnermässig gemässigt durch die Wälder und über Feldwege zu radeln. Lange habe ich mich gegen die Anschaffung eines solchen Gravelbikes gesträubt. Ich war überzeugt, mit Rennrad und Mountainbike für alle Fälle gerüstet zu sein.
Doch irgendwann liess ich die Was-der-Bauer-nicht-kennt-das-fährt-er-nicht-Mentalität hinter mir und unternahm eine Probefahrt. Und nach vier Minuten, zwölf Sekunden und acht Hundertstel war ich komplett angefixt, die Sache war geritzt.
Als ich vom Velo stieg, verkündete ich: «Ein jeder Mensch braucht ein Gravelbike! Wie hatte ich nur ohne ein solches Wunderding leben können?!» Denn auch auf der Strasse ist man damit flott unterwegs, viel schneller als mit dem Mountainbike. Und eben: Lockt irgendwo ein schlechter Weg, schon ist man im Wald verschwunden, fernab des Verkehrs, all der tausend Töffs und zig Cabrio-Spassfahrer:innen.
Neuerdings betreibe ich Flurnamengravel. Dazu studiere ich Wanderkarten, suche nach Orten, von denen ich noch nie gehört habe, von denen ich auch nicht weiss, ob es überhaupt lohnenswert ist, sie zu sehen. Es geht nur um den Namen des Hügels oder Hangs, Walds oder Weilers. Klingt ein Name verheissungsvoll, picke ich ihn raus, fahre hin, schaue mir den Ort an, mache ein paar unspektakuläre Fotos, und fahre wieder heim.
«Angst und Not» etwa – so lautet der Name eines Weilers in der Nähe von Bubikon im Zürcher Oberland. «Angst und Not» liegt an der «Richttannstrasse», die so heisst, weil früher die Tanne dort stand, an der man die Leute aufhängte, wenn sie was verbrochen hatten, damals, als das Rechtssystem noch recht rudimentär war.
Weshalb der Weiler «Angst und Not» heisst, darüber gibt es bloss Vermutungen. Hat wohl mit der Bibel zu tun. Genauer mit Psalm 71,20. Man weiss es nicht, aber was ich weiss: Auf dem Weg nach Angst und Not kam ich auch beim «Chnebel» vorbei, sowie bei «Zweibollen» und an der «Ellenbogenstrasse».
Diese Woche steht «Furz» und «Chüzihübel» auf dem Programm. Diese beiden Flecken liegen östlich von Teufenthal AG, auf der Karte linkerhand von zwei Hügeln, der eine heisst Schweini, der andere Chlützelmütz. Bestimmt ist es schön dort. Und wenn nicht: egal. Denn ganz im Sinne des Taoismus lautet das Motto: «Der Name ist das Ziel.» Furz, Chüzihübel, Schweini, Chlützelmütz, ich komme!
Foto: Julia Ishac