• Juli 2022

WELCHER WOLFGANG?

Nun rollt sie wieder, die Tour de France, mit Start in Kopenhagen, dann kreuz und quer durch die Grande Nation, im Norden über das hirnerschütternde Kopfsteinpflaster der Schneise von Arenberg, dann Abstecher in die Schweiz, dann hoch auf Berge und Gipfel, etwa nach Alpe d’Huez. Obwohl das ja gar kein Gipfel ist, sondern bloss ein Wintersportort und sommers nicht eben eine Schönheit. Doch die Strasse hinauf ist legendär, eine jede Kehre ein Mythos für sich, jedes Murmeltier dort weiss hundert Geschichten zu erzählen. Und ich weiss, was ich die nächsten drei Wochen über tun werde: Rollläden runter, Glotze an. Mein Ziel ist es, jede Etappe der Tour de France von Anfang bis Ende auf Eurosport zu schauen. Keine Sekunde werde ich verpassen. Alles zieh ich mir rein. Deswegen habe ich auch auf der Toilette einen TV montiert – und einen im Kühlschrank, damit ich nichts versäume, wenn ich ein Bier raushole.

Ich weiss, manche Menschen verdrehen die Augen, ihnen erscheinen Rennvelorennen öde, vor allem die 200 Kilometer langen Flachetappen, auf denen ihrer Ansichtnachnichts geschieht. Banaus: innen! Denn gerade dann, wenn nichts passiert, ist es am spannendsten, denn es könnte ja jederzeit etwas passieren. Alles ist jederzeit möglich! Wer nach diesem Credo lebt, hat mehr vom Dasein. Zudem sieht man aus der Helikopterkamera immer wieder prächtige Burgen und Schlösser am Wegesrand, und die Kommentator:innen versorgen einen mit Wissenswertem über kulinarische Spezialitäten der Region, die gerade durchfahren wird. Die Tour de France ist auch eine Bildungsreise, die man bequem auf dem Sofa absolvieren kann.

Das Unverständnis für die Faszination des Rennradsports war übrigens auch der Grund, weshalb die Band Kraftwerk Ende der Achtzigerjahre in ihrer langjährigen Besetzung auseinanderbrach und der kreative Output ins Stocken geriet. In seiner Autobiografie «Kraftwerk. Ich war ein Roboter» erinnert sich Wolfgang Flür, der langjährige Schlagzeuger der Band, wie der Fahrradfanatismus seiner Kollegen überhandnahm und alles kaputt machte. Speziell das Verhalten von Kraftwerkmitgründer Ralf Hütter kam ihm mehr und mehr befremdlich vor. «Er lief fast nur noch in enganliegender, schwarzer Rennradbekleidung herum und hatte sich die Beine rasiert und eingeölt, wie es die Profis tun.» Und: «In Ralfs Wohnung lagen haufenweise Gummireifen für seine Räder herum.» Reifen behandelte er wie andere Leute Wein. «Gut gereift mussten sie sein wie ein alter Jahrgang. Je länger sie angelagert waren, umso besser sei ihre Qualität, erklärte mir Ralf einmal.» Auch im bandeigenen Tonstudio mit dem klingenden Namen «Kling-Klang» lief nicht mehr viel. Kamen sie dort zusammen, drehten sich die Gespräche nur noch ums Rennradfahren, oder man studierte «Fahrradprospekte von Campagnolo, Shimano und anderen Zubehörfirmen». Irgendwann hatte Flür genug. Er verliess die Band. Doch die Umstände nagten. Also griff er ein paar Monate später zum Telefon und rief Ralf Hütter an, um sich auszusprechen. «Hallo Ralf. Hier ist der Wolfgang», sagte Wolfgang. Doch Ralf Hütter erwiderte bloss: «Welcher Wolfgang? Ich kenne keinen Wolfgang.» Dann legte er auf.

Vielleicht lief ja gerade Tour de France im TV. Oder es war Ruhetag, und Ralf war deshalb schlecht drauf. Oder er war gerade daran, sich die Beine zu rasieren oder einen Velo-Prospekt zu studieren. Es gibt viele Gründe, Telefonate so kurz wie möglich zu halten. Ich verstehe sie alle ganz und gar.

Song zum Thema: «Tour de France» von Kraftwerk, 1983.