WEDER FISCH NOCH FLEISCH
Gespannt blätterte ich in einer alten Ausgabe der «Schweizer Illustrierten», die im Wartezimmer des Zahnarztes auslag. Auf dem Cover war Elizabeth Teissier abgebildet, die Astrologin. So gesehen, war absolut unklar, aus welchem der letzten hundert Jahre die Illustrierte sein mochte, denn für das traditionelle XXL-Jahreshoroskop wird immer Teissier auf die Front gehievt. Bei Zeitschriftenhoroskopen spielt das Jahr aber eh keine Rolle, denn ich möchte darin einfach die Dinge lesen, die ich dann auch zu lesen bekomme: dass ich ein guter Mensch bin, ein einfühlsamer Typ, mit Aussicht auf ein wie ein Lagerfeuer knisterndes Liebesleben sowie beruflichen Erfolg, eventuell sogar Reichtum aus heiterem Himmel. Sätze wie: «Sie wissen genau, was Sie wollen», «Nutzen Sie die Energie, um ein Vorhaben zu starten!», «Sie haben jetzt die Kraft, das Steuer zu richten und etwas für sich und Ihre Selbstverwirklichung zu tun», «Das Jahr beginnt auf der Überholspur».
Als ich voller Vorfreude auf solche Worte zu meinem Sternzeichen Fisch vorblätterte, war ich verwirrt. Es ging auf dieser Seite nicht um Fische, sondern um Schweine, Truthähne und Rinder. Ich dachte erst, man habe – um die Angelegenheit modern aufzupeppen – ein chinesisches Horoskop eingeflochten, denn die sind schwer en vogue. Doch ich lag falsch, auch handelte es sich bei «Curry», «Tartar» und «Cocktail» nicht um exotische Aszendenten, sondern um Fertigsossen. Es war nämlich kein Horoskop, das ich da sah, sondern ein für die Jahreszeit um Weihnachten typisches Inserat für Tiefkühl-Fondue-Chinoise in all seinen Varianten (auch «XXL») von Lidl – und mit 28 bis 35 Prozent Rabatt. Das Horoskop für die Fische fehlte! Jemand hatte es herausgerissen. Wer? Sicher kein Fisch, denn die sind bekanntlich (ich weiss es aus eigener Erfahrung) Typen mit grosser Seelentiefe, romantisch, verständnisvoll und verzeihend, kurz: des Diebstahls unfähig.
Es war früh am Morgen, und ich verspürte im Zahnarzt-Wartezimmer wenig Lust auf Fondue Chinoise, aber auch ein thematisch besser passendes Inserat für Zuchtlachs oder Pangasius im Kilosack hätte mich nicht zu begeistern vermocht, ausserdem: Im chinesischen Horoskop bin ich ein Hahn, ein Tier, welches für Fondue Chinoise umstritten ist, denn oft ist das Geflügel mit Campylobacter kontaminiert, was nicht nur zur Weihnachtszeit zu unschönen Komplikationen führen kann, wässriger Diarrhoe etwa.
Des Horoskopräubers wegen muss ich ohne die Prognose von Madame Teissier leben, die übrigens einst eine schauspielerische Karriere in Angriff genommen hatte und beispielsweise im erotisch angehauchten Horrorfilm «Das blutige Schloss der lebenden Leichen» (1970) mitwirkte. Allerdings war diesem Tun und Treiben kein Erfolg beschieden, weshalb sie sich – zum grossen Glück für uns alle – der Astrologie zuwandte.
Doch auch ohne Horoskop stimmte mich die Illustrierte leise positiv, denn während der Pandemie waren Zeitschriften aus Wartezimmern verschwunden. Nun schienen sie zurückzukehren und so eine neue Zeit anzukündigen. Wie die Schneeglöckchen nach einem langen, harten Winter. Ein gutes Zeichen, auch wenn es sich bloss um alte Illustrierte mit illustren alten Damen auf dem Cover handelt. Zudem: Die unmittelbare Zukunft war mir ja bekannt, dafür brauchte ich keine Madame Teissier. Und da hörte ich auch schon jemanden meinen Namen rufen – Sekunden später lag ich armes Schwein mit weit aufgerissenem Karpfenmaul auf dem Behandlungsstuhl, die Finger in die Lehne gekrallt wie die Zehen eines Hahns.