• Dezember 2022

WAS ICH MIR ZU WEIHNACHTEN WÜNSCHE

Während die meisten Menschen sich noch immer freudig Katar hingegeben und dem dortigen Gekicke um die Weltvorherrschaft in diesen Belangen, liege ich mit Katarrh im Bett. Ein Katarrh ist eine «Entzündung von Schleimhaut der Atmungsorgane, die mit einer vermehrten Absonderung wässrigen oder schleimigen Sekrets verbunden ist», so steht es in den Büchern – und schöner kann man es nicht ausdrücken. Eine hartnäckige und langwierige Angelegenheit, so ein Katarrh, sich beinahe so lang in die Länge ziehend wie eine Fussballweltmeisterschaft. Was nicht in den Büchern steht: Wie eindrücklich hoch sich bald die Berge sekretgefüllter Taschentücher neben dem Bett erheben. Man bekommt dabei ein Sehnsuchtsgefühl nach den fernen und frisch verschneiten Gipfeln der Alpen. Hingegen: So ein Bett ist ein sehr guter Ort, um über allerlei Dinge nachzudenken, etwa über Weihnachtsgeschenke.

Für diese Weihnachten habe ich nicht besonders viele Wünsche. Das fortschreitende Alter hält ja für uns so manche Begleiterscheinung bereit, eine gewisse Genügsamkeit ist eine der angenehmeren davon.

Einen Wunsch jedoch hege ich schon länger, seit Jahren schon: eine Reise nach Täbris zu unternehmen, um mir dort auf dem Basar einen handgeknüpften Perserteppich zu kaufen, nach einer Feilscherei, die sich mindestens eine Woche dahinzieht. Täbris ist die sechstgrösste Stadt im Iran, zwei Schweizbreiten nordwestlich von Teheran gelegen, gut anderthalb Millionen Einwohner:innen.

Der lokale Fussballclub heisst Tractor SC, der historische Basar gehört zum Unesco-Weltkulturerbe, die Stadt ist reich an Sehenswürdigkeiten, darunter etwa die Blaue Moschee. Manche Quellen sagen, Täbris sei der Ort des biblischen Garten Eden.

Und eben: eine Teppichknüpferhochburg. Ein Freund hatte mir von dieser Stadt erzählt, mit leuchtenden Augen, er war schon mehr als einmal dort gewesen. Und er erzählte auch von einer Schmorfleischsuppe namens Abgusht und vom frischen Granatapfelsaft und den grünen Melonen, die man an Ständen im El-Goli-Park kauft und die so gut und kalt sind, dass einem das Gehirn gefriert.

Ich war noch nie in Täbris, noch nicht mal in der Nähe. Und nie schien eine Reise nach Täbris ferner als jetzt, denn was derzeit im Iran geschieht, ist schockierend. Unfassbar ist der Mut der sich auflehnenden und protestierenden Menschen, unfassbar aber auch die Brutalität des Terrorregimes der Mullahs, welches gegen die friedlich Protestierenden vorgeht. Die Verhaftungen. Die Folter. Das Morden. Was man vernimmt, was man hört und die Videos, die man in den sozialen Medien sieht, all dies ist zutiefst verstörend und erschütternd.

Es gibt viele Wünsche und Begehren – nicht viele davon halten der näheren Überprüfung stand. Nach Täbris zu reisen und dort einen Teppich zu kaufen, der einen fortan ein Leben lang begleitet, aber schon. Ich hoffe, dass diese Reise möglich sein wird. Dass der Iran dereinst, bald, morgen schon ein anderes Land sein wird als er es heute ist. Dass der Iran wird, was er sein könnte: eine säkulare Demokratie, ein Paradies, der Garten Eden. Ein Land mit freien Frauen und freien Männern und freien Kindern, die ohne Angst und Furcht leben können. Und bis dies nicht geschehen ist, dürfen wir nicht wegschauen und nicht wegdenken und uns nicht hinter dem prächtig beleuchteten Weihnachtsbaum und den bunt verpackten Geschenken verstecken, sondern uns vor Augen führen, was auf der Welt vor sich geht.

Der Welt, in der wir leben.