WANN IST DER MANN EIN MENSCH?
Mein Kumpel Klumpen schrieb: «Alle haben Angst vor den bösen Algorithmen. Bei uns in Basel beschrieb dieser Begriff jedoch immer schon etwas anderes, etwas Schönes, nämlich Musik, zu der man besoffen tanzen kann.» Ich musste ein Weilchen nachdenken, bis ich den Witz begriff, oder zumindest Spurenelemente von Humor erkannte: Die sprachliche Nähe von «Algo-» zu «Alko-» sowie «-rithmen» zu «-rhythmen» unter Berücksichtigung des gerne distinguiert klingenden Basler Dialekts, mit dessen Finessen ich jedoch nur bedingt vertraut bin.
Es war kein guter Witz, aber ich lächelte trotzdem, denn Witze dürfen durchaus schlecht sein und kentern. Sie sind keine in Granitstein gravierten Lebensentwürfe, sondern bloss kleine, individuelle Versuche, dem Verzweifeln am Alltag etwas Härte zu nehmen, die Kanten zu brechen.
Humor ist derzeit eh ein ziemlich schwieriges Geschäft. Kaum jemand getraut sich noch, öffentlich Witze zu reissen, zu gross ist die Gefahr, irgendwem auf den Schlips, die Füsse oder einen anderen Körperteil zu treten. Die Empfindlichkeiten und Empörungen in unserer Gesellschaft sind arg angeschwollen. Dies hat natürlich auch Auswirkungen auf die Arbeit: Ich etwa schreibe schon lange nichts mehr zum glatteisigen Thema Mann und Frau; auch nicht zum Thema Frau und Mann. Witze diesbezüglich? Alle vernichtet und entsorgt oder zumindest eingelagert – unter denselben Aufbewahrungsbedingungen wie Nitroglyzerin.
Kürzlich erfuhr ich wieder einmal von genderspezifischen Spannungen. Ich wartete auf einen Linienbus. Auf einen Bus zu warten stimmt mich immer wieder optimistisch, denn ich weiss, dass dieser Bus kommen wird – der ÖV in dieser Stadt funktioniert mirakulös gut, wäre man selbst doch nur halb so verlässlich –, zudem hatte ich in diesem Fall auch noch eine Partie Anfängerschach, die in meinem Handy sich geduldete und um die ich mich subito kümmern würde.
Der Bus hielt. Mit mir wartete eine junge Frau vor der sich öffnenden Türe, die zwar gross, für beide aber doch zu eng war. Ich gewährte der Frau Vortritt, mit einer Handbewegung, die ich heute im Jahr 2023 als «freundlich und klar» bezeichnen würde, früher hätte man sie vielleicht «galant» genannt. Ohne den Kontext der Regelung des gleichzeitigen Einstiegs in einen Bus zweier Individuen hätte die Bewegung auch Teil einer achtsamen Tai-Chi-Übung sein können.
Nun, ich bedeutete also der jungen Frau mit sanfter Geste, sie möge den Vortritt nehmen. Doch die Frau blickte mich an, als hätte ich die Hose runtergelassen und mich entblösst. Ekel stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sie hielt mich wohl für das, was ich bin: Einen alten, weissen Mann mit Bart und Brille, der höflich ist. Was ihr jedoch ganz und gar nicht zu gefallen schien, ihre Miene sagte: Deine Höflichkeit ist übergriffig. Deine Zuvorkommenheit kotzt mich an. Ich spucke auf deine Herablassung! Doch ich überliess ihr den Vortritt ja nicht, weil sie eine Frau, sondern weil sie ein Mensch ist. Ich habe Menschen gerne, ganz grundsätzlich, noch immer und trotz allem. Und manche dieser Menschen liebe ich sogar.
Wir schafften es, nachnebeneinander in den Bus zu steigen. Über ihr schwebte eine dunkle Grollwolke. Und ich dachte grübelnd: Vielleicht hatte ich mich in ihr geirrt, eventuell erging es ihr so wie mir, einfach andersrum. Vielleicht war sie nicht angeekelt, weil ich ein Mann bin, der sich in ihren Augen chauvinistisch höflich gab, sondern weil ich ein Mensch bin. Einfach ein Mensch. Dies allerdings wäre sehr, sehr traurig.