• September 2022

VON DER PFANNE GERÜHRT

Immer wieder werde ich mit dieser einen Frage konfrontiert: Ist es nicht obermühsam, Woche für Woche eine Kolumne zu schreiben? Die Antwort ist: ja und nein. Das Schreiben an und für sich ist zwar immer eine zähe Angelegenheit, aber wenn man die richtige Idee hat, dann ist es reine Routinearbeit: mühsam, aber machbar. Die Idee ist das Problem. Die will erst einmal gefunden werden.

Geschrieben wird immer montags, 7.34 Uhr geht es los, nachdem der Bub mitsamt dem Morgentrubel das Tram zur Schule genommen hat. Dann brühe ich mir noch einen Kaffee, setze mich mit der dampfenden Tasse an den Schreibtisch und beginne mit der Arbeit. Dies wiederum setzt voraus, dass ich weiss, über was ich schreiben werde. Besagte Idee eben. Denn die saugt man sich nicht am Montagmorgen aus den Fingern. Deshalb kann ich an den Wochenenden nur dann ruhig schlafen, wenn ich weiss, dass spätestens freitags ein Notizzettel mit einer Idee auf dem Schreibtisch deponiert wurde, welche mir im Laufe der vergangenen Woche in den Sinn gekommen war. Auch an diesem Montagmorgen ging ich frohen Mutes ans Werk, denn ich wusste, dass dort der Zettel lag, mein Vor-dem-Wochenende-Ich hatte ihn für mich deponiert. Also griff ich mir dieses Blatt Papier mit der pfannenfertigen Idee, welche nur noch ausgeführt werden wollte. Ein paar Stunden Fleiss, ein paar kurze Spaziergänge im Duden oder Brockhaus, nochmals etwas Fleiss, drei Tassen Kaffee und vier imaginäre Zigaretten, dann wäre die Arbeit getan und ich dürfte den Rest des Tages im neuen Knausgård lesen, Playstation spielen und gleichzeitig antike Armbanduhren googeln.

Auf dem Zettel stand: «Reisnudeln; Palmzucker; Limes; Tamarindenpaste; ger. Erdnüsse; Schnittknoblauch; Mungobohnensprossen; ger. Tofu». Verdammt! Verflucht! Dies war ganz eindeutig kein Bau-plan für eine geniale oder auch nur brauchbare Kolumne, sondern bloss die banale Einkaufsliste für ein populäres pfannengerührtes thailändisches Nudelgericht namens Pad Thai. Da hatte mich mein Vordem-Wochenende-Ich ganz schön reingelegt! Ich Trottel wähnte mich in Sicherheit, dachte, dass da ein garantiert funktionierender Bauplan für eine Kolumne läge. Dabei war es nichts als ein simpler Einkaufszettel! Oder hatte das Vor-dem-Wochenende-Ich möglicherweise die Idee gehabt, dass das Montagmorgen-Ich dem Seiler Konkurrenz machen sollte? Nein, der Seiler ist gourmetologisch unschlagbar, dessen muss sich auch das für die Idee verantwortliche Vor-dem-Weekend-Ich bewusst sein.

Ich seufzte und leerte die Henkeltasse mit dem schwarzen Kaffee auf ex. Ohne Idee war nicht an Arbeit zu denken, also konnte ich ebenso gut einkaufen gehen, vielleicht fände sich ja im Laden eine Not-Idee für eine Kolumne, zum Beispiel im Regal mit den Hygieneartikeln oder in der Abteilung mit den multihybriden Billigorchideen. Ich steckte den Einkaufszettel in den Hosensack, ging aus dem Haus. Pad Thai! Mir knurrte schon der Gaumen, und das Wasser lief mir im Magen zusammen, als die Schiebetüre des Supermarktes mich einliess. Im Laden nahm ich den Einkaufszettel hervor und staunte nicht schlecht: Darauf stand nichts von Reisnudeln und Limes, sondern in meiner Handschrift: «Idee für eine Kolumne: Ehemaliges Schönheitsmodel berichtet, dass es unter Gesichtsblindheit leide, die Leute sie deshalb für arrogant hielten. Bei mir genau andersrum!»

Manchmal muss man die Dinge eben einfach von der anderen Seite betrachten. Auch eine banale Einkaufsliste für ein pfannengerührtes Nudelgericht.