VERBREITETE VERBREITERUNG
Es klingt paradox, ist aber wohl wahr: Um unser Leben in Freiheit zu leben, schränken wir uns bereitwillig ein. Die Anzahl der Normen, die unsere Leben regeln, ist enorm. Damit man sich besser orientieren kann, tragen diese Normen nicht selten Nummern. Etwa die Norm VSS 40291, erlassen vom kürzelgebenden VSS, dem einstigen Verein Schweizer Strassenfachmänner, heute Schweizerischer Verband der Strassen- und Verkehrsfachleute. Der VSS normiert alles, was mit dem Strassenverkehr zusammenhängt: Kreisverkehr, Tankstellenbeschriftung, Autobahnbelag. Allein das Verzeichnis der VSS-Normen umfasst 57 Seiten. Manche Normen klingen wie pure Poesie, etwa Norm 13880-3: «Fugendichtstoffe – Heiss verarbeitbare Fugenmassen – Teil 3: Prüfverfahren zur Bestimmung der Kugel-Penetration und des elastischen Rückstellvermögens». Der Name der Norm VSS 40291 besitzt weniger poetische Strahlkraft: «Parkieren; Anordnung und Geometrie der Parkierungsanlagen für Personenwagen und Motorräder». Aber sie betrifft uns unmittelbar, denn sie regelt die Parkplatzbreite. Und eben wurde sie angepasst. Neuerdings beträgt die Minimalbreite eines Senkrechtparkplatzes 2,5 Meter. Zuvor waren es 2,35 Meter. Warum diese Grosszügigkeit? Gibt es in unseren Städten plötzlich mehr Platz?
Meine Pilateslehrerin trägt einen schönen Vornamen, der mit Benz als Anhängsel auch von einem deutschen Autohersteller verwendet wird. Von ihrem Studio aus blickt man auf die vierspurige Ein- und Ausfallstrasse, welche die Goldküste mit der Stadt Zürich verbindet. Und was sehe ich da, morgens um halb acht, während ich versuche, mit den Fingerspitzen die Zehen zu erreichen und das elastische Rückstellvermögen meines Rückens teste? Eine Karawane meist schwarzer Autos. Eine Blechkiste nach der anderen, ein steter Strom. Oft sitzt in den Autos bloss ein Mensch drin. Die Karren wälzen auf die Stadt zu, dringen in sie ein, um dann irgendwo in einer Tiefgarage oder auf einem Parkplatz zu stehen, bis es abends wieder nach Hause geht. Und was mir auffällt, aus dem fünften Stock, was der Blick von oben herab gnadenlos preisgibt: Die Autos haben sich in letzter Zeit echt gehen lassen. Sie sind fett geworden!
Miniaturisierung ist ein schönes Wort, wenn auch nicht einfach auszusprechen. Dass der Mensch fähig ist, Dinge so weiterzuentwickeln, dass sie kleiner werden, weniger Raum benötigen, weniger Ressourcen, dies ist ein Zeichen von Intelligenz. Nehmen wir das Beispiel Computer. Der Eniac-Grossrechner wurde 1946 präsentiert. Er besass beinahe die Masse einer Turnhalle, genauer 10x17 Meter, und wog 27 Tonnen. Fünfzig Jahre später entwickelten zu seinem runden Geburtstag ein paar Student:innen einen Chip, der dieselbe Rechenleistung wie der Eniac aufwies. Die Grösse des Chips: 7,44x5,29 Millimeter. In die Grössenordung «Turnhalle» bewegt sich leider das Automobildesign. Alles wächst, vor allem in der Breite. Und nicht nur die grausliche SUV-Kategorie wird immer fetter. Auch die Kleinen werden immer grösser. Waren die Mittelklassemodelle der Reihe 3 von BMW einst 1,61 Meter breit, so messen sie aktuell 1,83 Meter. Der VW Bus, liebevoll Bulli genannt, Urvater aller Reisemobile und bei Freaks und Hippies populär, mass einst 1,75 Meter – breit waren also bloss die kiffenden Insassen. Die neue Elektroversion, ID. Buzz genannt, kommt auf 1,99 Meter, mit Rückspiegeln gar auf über 2,21 Meter. Die Gründe für diese Auto-Adipositas sind mir schleierhaft. Und ich frage mich: Weshalb gibt es dafür eigentlich keine vernünftige Norm?