TROCKENER JANUAR
«Kommt ein Philosoph ins Fernsehen…» So könnte der Anfang eines Witzes lauten. Aber es war real, am Sonntagmorgen, zu einer Zeit, zu der kluge Menschen nicht vor der Kiste hocken, sondern noch schlummernd in den Federn liegen. Doch der «Dry January» hatte mich früh aus der Bettstatt getrieben. Logisch, denn abends zuvor war ich in Ermangelung sozialer Aktivitäten mit den Hühnern zu Bett gegangen – und mehr als zehn Stunden Schlaf braucht nüchtern betrachtet kein Mensch. Der «Dry January» mag gesund sein, langweilig ist er aber auch.
Der Mann in der Philosophiesendung tat, was von ihm erwartet wird: gescheit und viel reden. Es ging um den Zustand unserer Gesellschaft, was mit ihr nichtstimmt. Aber dann las ich, dass der Philosoph gar kein echter Philosoph war, sondern Sachbuchbestsellerautor. Das verwunderte mich nicht, denn echte Philosophen reden so, dass ihnen nur andere Philosophen folgen können. Da greift man bei Populärmedien gerne zu Populärdenkern. Nun, der Mann im Flachbildschirm klagte, dass wir Menschen zu viel von allem hätten, zu viel Unnötiges – und von dem Unnötigen noch immer mehr wollten! Dies war mir allerdings nicht wirklich neu, so krittelte schon meine Mutter vor fünfundvierzig Jahren, wenn sie in mein Spielzeugtrümmerfeld von Kinderzimmer blickte.
Der Bestsellerautor war adrett angezogen, trug aber keine Krawatte, sondern ein buntes Einstecktuch, und während er sprach, musste ich immerzu auf dieses Einstecktuch starren, welches «frech» aus der Brusttasche seines Sakkos lugte. Ich fragte mich, wie jemand über das Unnötige referieren kann, wenn er gleichzeitig eine Pochette trägt, denn dieses Ding ist das Unnötigste auf der ganzen Welt. Sicher, verschiedenfarbige Tücher können Kommunikationsmittel sein, etwa bei Strassengangs in L.A. oder bei Stri-chern im Stadtpark. Darüber hinaus hat das Ding keine Funktion, ausser vielleicht noch bei einem Bewerbungsgespräch, wenn man als ulkiger Nerd gelesen werden will, allerdings könnte man dies auch mit breiten Hosenträgern und einer Fliege bewerkstelligen, insbesondere mit einer Fliege aus dem Scherzartikelladen, die sich auf Knopfdruck dreht.
Was der Bestsellerautor ebenfalls anprangerte: dass wir immerzu in unsere Handys starrten, anstatt einfach bewusst im Dasein zu sein. Er nannte es «teuflisch». Mich überkam die unbändige Lust, nach meinem zu greifen und hineinzustarren, zwei Stunden nach Dingen zu googeln, die ich nicht brauchte, um mich von der Philosophiesendung zu kurieren. Denn es gibt viele Dinge, die ich nicht benötige, die aber trotzdem existieren. So liebäugle ich aus lauter Langeweile schon länger mit einer Armbanduhr, obwohl ich bereits eine besitze, schliesslich hat man ja zwei Armgelenke. Man gälte wohl als verhaltensauffällig, trüge man links wie rechts eine Uhr, niemand jedoch würde sich daran stören, schnallte man die Zweituhr unterm Hosensaum ans Fussgelenk! Was zudem den Vorteil hätte, auch bei noch so verqueren Pilatesübungen bequem die Zeit ablesen zu können.
Eine andere unterdrückte Sehnsucht ist jene nach Röhrenverstärkern, also Komponenten für Hi-Fi-Stereoanlagen, welche ausschauen wie die von Irren selbst gebastelten und nur sehr schwer zu entschärfenden Bomben am Ende von «Die Hard»-Filmen. Röhrenverstärker! Zweituhren! Unnötig! Braucht kein Mensch! Aber die «Philosophie» treibt meine Gedanken dahin. Und der «Dry January» erst recht.