TOTALSTRÄCKSKRYPTERING
Man kennt diese Gestalten, sieht sie immer wieder in unseren Städten, meist sind es ältere Männer, Pensionäre, Rentner, sie stehen an grösseren und kleineren Baustellen, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen, und schauen zu. Interessiert beobachten sie, was vor sich geht: wie Krane Mulden heben und Maschinen hinablassen, wie Betonmischer ihre zähe Ladung auswerfen, wie Eisenleger Eisen legen.
Bei uns sind diese Gestalten bloss Menschen, die bei Baustellen verweilen und ein bisschen gucken oder gaffen. In Italien aber existiert ein Wort für diese Menschen. «Umarells» nennt man sie. Der Begriff stammt aus dem Dialekt Bolognas, ist eine Schöpfung des frühen 21. Jahrhunderts, kreiert von einem Autor namens Danilo Masotti. Abgeleitet ist «Umarell» von einem Wort, welches so viel wie «Männchen» bedeutet – und seit 2021 steht der Begriff im Zingarelli, dem in Italien massgeblichen und aktuell 2688 Seiten starken Wörterbuch.
2024 wurde «Umarell» auch in Schweden in den offiziellen Wortschatz aufgenommen, zusammen mit anderen Neulingen wie «totalsträckskryptering» (Ende-zu-Ende-Verschlüsselung), «skräpballong» (Ballon, der Abfall oder Fäkalien enthält und in einem politischen Konflikt eingesetzt wird) und «swiftiepappa» (Vater eines Taylor-Swift-Fans, der selber Fan von Taylor Swift ist).
In Bologna aber geht die Wertschätzung der Umarells über den Sprachgebrauch hinaus, man liebt diesen passiven, aber aufmerksamen Menschenschlag so sehr, dass man ihn mit einer Piazzetta degli Umarells geehrt hat. Für mit der italienischen Sprache nicht sonderlich Vertraute (ich schliesse mich da mit ein, zwar habe ich einst einen Sprachkurs besucht, doch erinnere ich mich eigentlich bloss noch an drei Wörter: «quaderno», «macchina fax» und «regalo», wobei ich bei «regalo» auch heute noch davon überzeugt bin, es heisse «Regal»): Piazzetta ist keine kleinformatige Pizza, sondern ein unbebauter Ort in einer Stadt, wo Menschen zusammenkommen und sich begegnen können. Ein nicht zu wichtiger oder zu grosser Platz, ein Plätzchen also. Die Piazzetta degli Umarells findet man im Quartier Cirenaica, welches östlich des Zentrums liegt.
Am anderen Ende der Stadt, am westlichen Rand von Bologna, gibt es seit 107 Jahren ein Restaurant, dessen Name ich mir seit meinem letzten Besuch vor zwanzig Jahren merken konnte, denn wie bei einem Rebus muss ich bloss zwei Gegenstände kombinieren – eine Frucht und ein Streichinstrument –, schon weiss ich: Trattoria Meloncello! Die aktuellen Tripadvisor-Bewertungen sind zwar durchzogen wie derbes Siedfleisch, die Erinnerung an diese einfache Trattoria mit ihren deftigen, günstigen und gut portionierten primi und secondi ist jedoch lebhaft; so weiss ich noch heute, dass unter den vielen gerahmten Widmungen und Autogrammen berühmter Gäste an den Wänden auch jene von Dario Argento hängt, dem Regisseur von Filmen wie «Die neunschwänzige Katze» oder «Vier Fliegen auf grauem Samt».
Vor allem aber liegt die Trattoria schön weit weg von der zuvor erwähnten Piazzetta! Dies ermöglicht den sicherlich nötigen Verdauungsspaziergang. Einfach mal wieder nach Bologna fahren! Erst Melone und Cello und ein Teller Nudeln oder zwei, dann geschlenderte anderthalb Stunden zur Piazetta degli Umarells. Dort ein bisschen herumzustehen – es gäbe sicherlich eine Baustelle –, ein Stündchen oder zwei, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und die Augen geweitet. Und schon mal ein bisschen üben für später, für in ein paar Jahren, wenn man selber ein glücklicher Umarell sein wird.