TAUSEND MEILEN
So mancher Mensch hat grössere oder kleinere Geheimnisse – Laster, denen er nicht widerstehen kann, die er aber nicht an die grosse Glocke hängt. Bei mir sind es etwa Snickers und Mayonnaise. Echte Sünden, die mir immer wieder meine eigene Schwäche aufzeigen – wenn man mir auch zugutehalten muss, dass ich die beiden Dinge immerhin nicht gleichzeitig konsumiere. Doch ässe man sie zusammen, wäre es wohl klug, der Snickersriegel wäre frittiert. Ein knusprig in heissem Erdnussöl ausgebackenes Snickers mit einem kräftigen Schlag Mayo obendrauf? Müsste man ausprobieren!
Das Frittieren von in Bierteig gewendeten Schokoriegeln ist eine schottische Spezialität. Sie soll ihren Ursprung in der Stadt Stonehaven haben, in der Carron Fish Bar, wo die Variante «World Famous Deep Fried Mars Bar» noch immer auf der Menükarte steht (£2.50 das Stück). Aus dem beschaulichen, an der Ostküste gelegenen Stonehaven stammte auch Robert Barclay Allardice, ein weitherum bekannter Pedestrian – was keinen perversen Knabenliebhaber bezeichnet, sondern einen Anhänger des Pedestriantismus, einer in Vergessenheit geratenen und vor allem im frühen 19. Jahrhundert praktizierten Sportart, bei der lange bis sehr lange Distanzen zu Fuss zurückgelegt wurden, gerne auch auf hügeligem Terrain oder in schwierigem Gelände.
So schaffte Robert Barclay Allardice im Jahr 1801 die Distanz von 110 Meilen (177 Kilometer) in flotten 19 Stunden und 27 Minuten – gemäss Überlieferungen «in einem schlammigen Park». Seinen grössten Triumph feierte er acht Jahre später, als er auf einer Pferderennbahn im Kreise gehend die Distanz von tausend Meilen in tausend aufeinanderfolgenden Stunden zurücklegte. Ein sechs Wochen andauerndes Spektakel, welches Scharen von Schaulustigen anzog; Pedestriantismus war zu jener Zeit eine der grossen Volksbelustigungen.
Um solche Leistungen erbringen zu können, trainierte der Schotte hart und auf aus heutiger Sicht eigenwillige Art, obwohl man anmerken darf: Das Training von Hochleistungssportlern erscheint normalen Menschen immer irrsinnig. Bei Robert Barclay Allardice ging das so: Noch vor dem Frühstück wurde eine halbe Meile zügig gerannt, dann sechs Meilen forciert gegangen. Das Frühstück: Lammkoteletts und abgestandenes Bier. Dann sechs Meilen Powerwalking. Kein Lunch, dafür dreissig Minuten Schlaf (zwingend auf dem Rücken). Dann vier Meilen schnelles Gehen. Um 16 Uhr Abendessen (Lammkoteletts/ Bier), danach eine halbe Meile Tempo Teufel plus sechs Meilen Gehen. Um acht Uhr ins Bett, am nächsten Morgen das Ganze von vorne. Zudem war einmal die Woche Schwitzen angesagt: Dick eingepackt galt es, vier Meilen so schnell wie möglich zu rennen, danach wurde subito ein Pint «Sweating Liquor» getrunken, das Doping der Damalszeit: ein Sud aus Kümmel, Koriander, Süssholzwurzelextrakt und eingekochtem Apfelwein. Dann dick in Kleider gehüllt in ein mit acht Decken bedecktes Bett, bis der Saft wieder herausgeschwitzt war mitsamt den bösen Giften. Robert Barclay Allardice war – es ist nicht weiter verwunderlich – auch Champion in anderen Sportarten, etwa im Baumstammwerfen, einer der grossen Disziplinen der traditionellen Highland Games, nebst Heusack-Hochwurf und Koffertragen.
Ob Robert Barclay Allardice auch geheime Laster hatte – so klein, dass man sie ohne grosse Gewissensbisse mit sich herumtragen kann, tausend Meilen und mehr –, davon ist nichts bekannt. Es ist allerdings schwer davon auszugehen. Denn trotz seiner Disziplin und Härte war auch er: ein Mensch.