• November 2022

PUNK UND ORCHIDEEN

«Was ist bloss aus der Welt geworden?», dachte ich, und gleichzeitig dachte ich, dass es ein blöder Satz ist, den ich da dachte, denn weiss ich überhaupt, was die Welt zuvor einmal gewesen war? Zudem hatte der Gedanke schon ein paar Druckstellen, war abgegriffen, eventuell sogar total abgenudelt. Der Anlass zum zu oft gedachten Gedanken war ein Mann, wohl knapp über fünfzig. Er stand im Supermarkt und betrachtete das Aktionsangebot von Zimmerpflanzen, genauer waren es Orchideen der Gattung Phalaenopsis in Weiss, Rosa und Blau, die mitsamt einem Keramiktopf mit 13cm Durchmesser mit 32 Prozent Rabatt angeboten wurden (16.95 statt 24.95). Das wäre nichts Besonderes, denn Orchideen aus Massenzucht sind sehr beliebt. Sie bringen Exotik und Liebreiz in unseren kühlen Alltag, zudem versprühen sie durch ihr entfernt an Geschlechtsteile gemahnendes Erscheinungsbild einen Hauch von erotischem Versprechen, auch auf Gästetoiletten und in Wartezimmern von Podologiepraxen. Ja, man sieht sie überall, man könnte sagen: Sie sind für den Innenraum, was die Stadttaube für den Aussenraum darstellt: eine Plage. Doch der Mann trug ein T-Shirt der Punk-Band Dead Kennedys. Eine Band, die zu ihren Wirkungszeiten für ätzend zynische Songs wie «Kill the Poor» oder «California über alles» bekannt war. Der Punk und die Phalaenopsis: Das passt wie die Faust aufs Auge!

Zu Zucht-Orchideen hatte ich nie eine Beziehung, zu Punk aber schon. Die erste Begegnung mit dieser auch in unser Dorf schwappenden Jugendkultur hatte ich wohl Ende der Siebzigerjahre in Form eines grünen Bundeswehr-Parkas, welchen einer der grossen Zweigangtöffli fahrenden Jungs im Dorf trug. Auf den Rücken des Parkas hatte er mit Filzstift geschrieben: «Sex Pistols». Für mich war dies eine kryptische und verstörende Botschaft. Auch die dazugehörige Musik war verstörend, und vor allem war sie interessant. Die Rohheit. Die Energie. Natürlich auch überkandidelt, effekthascherisch, primitiv, nervig, aber für einen sich ungestellte Fragen stellenden Teenager auf dem Lande genau das Richtige, um ihn aus der Bahn zu werfen und in die Spur zu bringen.

Zurzeit läuft eine Serie auf Disney+ namens «Pistol» über den Aufstieg und Fall der britischen Punkband Sex Pistols. Man kann den Sechsteiler des Regisseurs Danny Boyle («Trainspotting», «Slumdog Millionaire») übererklärend finden, entkontextualisiert, eventuell auch zu clean (John Lydon, der ehemalige Sänger der Band, sagte darüber: «The most disrespectful shit I’ve ever had to endure»), aber «Pistol» erinnert einen doch an ein paar kulturhistorische Geschehnisse und ikonische Figuren mit Frisuren – und vor allem daran, wie spiessig und bigott die Zeit damals gewesen sein musste. Noch spiessiger und bigotter als heute!

Daran dachte ich, als ich den Mann mit dem Punk-T-Shirt betrachtete, der die Orchideen betrachtete. Doch dann dachte ich: Bedeutet Punk nicht das Unterlaufen einer jeden Erwartung, welche andere an einen stellen? So gesehen gibt es wohl kaum etwas, was so Punk sein kann, wie ein Punker, der sich eine Dekorationsorchidee im Supermarkt kauft. Passt doch wie die Faust aufs Auge: Punk eben.

Fun Fact: Sex-Pistols-Manager Malcolm McLaren und Punk-Designerin Vivienne Westwood eröffneten 1974 ihre Boutique namens Sex an der King’s Road in Chelsea, London. Es war der Ort, an dem die Pistols gedanklich geboren wurden. Und wo wurden die ersten Phalaenopsis gezüchtet? Knapp hundert Jahre zuvor in einem Treibhaus der Gärtnerei Veitch&Sons ebendort.