• April 2022

OLIGARCHENBEDARF

Dieser Text wurde – zumindest zu Teilen – von Hand geschrieben, in einem Tram, welches eines Freitagmorgens in Zürich um sieben nach sieben vom Stauffacher Richtung Seefeld fuhr. Denn Ideen sind ihrer Natur entsprechend treulos: Nimmt man sich ihrer nicht sogleich an, gehen sie zu jemand anderem. Auch frühmorgens. Also schrieb ich im Tram – es rüttelte und ratterte – die Worte schnell ins Notizbüchlein, um die Idee zu bannen. Aus diesem Grund habe ich auch immer einen Stift dabei. Oder meistens wenigstens, denn die Stifte tendieren auch zur Untreue – und vor allem: Sie spielen gerne Verstecken. Deshalb ging ich ein paar Tage zuvor in ein Geschäft für Schreibwaren, um mir vorsorglich einen neuen Qualitätskugelschreiber zu kaufen.

Die Auswahl dort war unglaublich, ja paralysierend, und wie hypnotisiert blieb ich vor dem Abbild eines Schreibgeräts stehen, welches ich noch nie zuvor gesehen hatte: Ein Tintenfüller namens Timegraph mit eingebauter Uhr. Vorne ein ganz normaler Füller, aber im Griff ist eine kleine mechanische Uhr eingebaut. Wie genial, dachte ich. Hätte ich diesen Timegraph, so könnte ich beim Schreiben immerzu sehen, wie die Zeit vergeht, und ausrechnen, wie lange es noch bis zur Mittagspause dauert, Sekunde für Sekunde. «Den muss ich haben!», rief ich und fragte die Dame hinter dem Verkaufstresen nach dem Preis. Sie sagte, er sei «eher teuer». Ich insistierte, und sie sagte: «Vierzigtausend.»

Relativ schnell war mir dann klar, dass ich den Timegraph-Füller nicht haben musste, denn so ein Ding fällt in die zurzeit etwas unter Druck geratene Konsumkategorie «Oligarchenbedarf». Und ich fragte mich, ob ich überhaupt einen neuen Schreiber brauchte, auch wenn ein ordinärer Kuli nur ein paar Franken kostete. Wäre es nicht klüger, zu Hause lie-ber mal gründlich nachzusehen, wo ich ihn verlegt hatte? Irgendwo hätte es bestimmt ein ganzes Nest von Kugelschreibern. Also verliess ich den Laden, ohne etwas zu kaufen.

«Dann hol ich mir halt eine Hose», dachte ich, als ich auf dem Heimweg an einem Kleidergeschäft vorbeikam. Und sogleich: Nein, denn die, die ich trug, war doch noch tipptopp, etwas abgetragen zwar, aber dank ihrer subtilen Verschlissenheit sah ich mehr wie ein ernst zu nehmender Schriftsteller aus als mit einer neuen Hose. «Dann eben neue Teleskopwanderstöcke!», dachte ich, als ich an einem Outdoorfachgeschäft vorbeikam. Nein, ich ging ja eh nie wandern. Und ich besass bereits ein Paar, es musste in den dunklen Tiefen der Transportbox auf dem Dach des Autos vor sich hin rasten. So ging es weiter. Laden um Laden liess ich aus, keinen betrat ich. Und als ich zu Hause ankam, hatte ich vieles nicht gekauft, was ich eventuell hätte kaufen wollen, sich bei genauerer Betrachtung aber als unnötig herausstellte. Denn es besteht ein feiner Unterschied zwischen dem Habenwollen und dem Wirklichbrauchen. Ich überschlug die Kosten der Dinge, die ich nicht gekauft hatte, und kam auf 530 Franken, die ich durch meinen Konsumverzicht gespart hatte. Sogleich überwies ich die Summe an die Glückskette. Sollten die mit dem Geld das tun, was ich nicht getan hätte: etwas Gescheites.

PS: Ich fand daheim tatsächlich einen Kugelschreiber, mit abgekautem Druckknopf zwar, aber voll funktionstüchtig, mit dem ich diesen Text dann schrieb, zumindest zu Teilen, im Tram, dem rüttelnden und ratternden, an einem Freitagmorgen um sieben nach sieben.