OLAFUR OF ARABIA
Das Bild hängt gerahmt bei mir im Wohnzimmer: Es zeigt eine Luftaufnahme des Jökulsárlón in Island. Der Jökulsárlón ist ein Gletschersee, es treiben Eisberge darin, kleine, grosse, abgebrochen vom Breiðamerkurjökull, der Zunge des Vatnajökull, dem grössten Gletscher der Insel. Das sachliche Bild stammt aus der «Cartographic Series III» des Künstlers Olafur Eliasson, einer vielteiligen Arbeit, welche auf Luftaufnahmen des topografischen Amts von Island basiert. Seit siebzehn Jahren hängt die Heliogravüre an meiner Zimmerwand, und noch immer muss ich lächeln, wenn ich sie betrachte, denn das kleine Kunstwerk führt mir stets vor Augen, was ich eigentlich weiss, einem aber nicht genug unter die Nase gerieben werden kann: dass die Welt schön ist.
Seit ich das Bild besitze, ist es ein Traum von mir, den Jökulsárlón einmal mit eigenen Augen zu sehen, aber gleichzeitig weiss ich auch, dass es das Klügste für diesen See und den Gletscher ist, wenn ich nicht in ein Flugzeug steige, sondern zu Hause bleibe. Der Welt ist es egal, ob wir sie uns ansehen oder nicht. Sie hat nichts davon, wenn ich dort stehe und mit meinem Handy ein Foto schiesse und ausrufe: «Läck Bobbi, hammergeil!» Oder aber: «Hab ich mir grösser vorgestellt.» Die Natur braucht uns nicht.
Ein anderes Bild sah ich in den sozialen Medien, kein Gletschersee mit frisch gekalbten Eisbergen darauf, sondern Wüste und in ihr steht ein Mann. Es ist der Künstler Olafur Eliasson in einer Aufmachung wie Indiana Jones, Hut auf dem Kopf, eine Packung Zigaretten in den Händen. Hinter ihm ein neues Werk von gigantischem Ausmass: Aus dem Wüstensand ragende Kreise aus Metall und neunzehn runde Spiegeldächer, die zehn Meter in der Höhe schweben. Die Arbeit (die ein bisschen ausschaut wie ein überdesignter Busbahnhof) wird dieser Tage eingeweiht und heisst «Shadows travelling on the sea of the day», also soviel wie «Schatten, die auf dem Meer des Tages reisen»…ein Titel, wie der eines kitschigen Romans.
Der gerne im Umweltkontext tätige und auch dicke Didaktik nicht scheuende Künstler hat das Werk anlässlich einer gross angelegten Kunstoffensive im Auftrag Katars realisiert, es gehört zum pompösen kulturellen Begleitprogramm der Fussballweltmeisterschaft. Der Künstler lässt verlauten: Das Werk solle im Gespräch über die Klimakrise «vielschichtige Ebenen des Staunens, Fragens und kritischen Betrachtens» bieten. Er hoffe, einen Ort zu schaffen, an dem Besucher sich «wieder mit dem Planeten in Einklang bringen».
Anders als in einem klimatisierten Fahrzeug könne man hier in langsamen Schritten die Landschaft um sich herum mit all ihren kulturellen Artefakten wahrnehmen: Wind, Sonnenlicht, Luft, Hitze, Spuren und Fährten. Der Künstler als Öko-Therapeut! Dumm nur, ist die ÖV-Verbindung in die Wüste so schlecht. Und sowieso: Weshalb muss man Tonnen von Stahl und Fiberglas und grossflächigen Spiegelglanz herstellen und in die gottverlassene Wüste von Katar karren, damit man dort unter der brütenden Sonne über sich und die Klimakrise nachdenken kann? Ist das nicht – um im Fussballjargon zu sprechen – komplett ballaballa?
Unlängst verkündete das Studio Eliasson vollmundig, es wolle so schnell wie möglich klimaneutral werden, man verzichte etwa auf Flugzeugreisen. Aber wie kam der Künstler und sein Team in die Wüste? Auf Isländerponys in genetisch fixiertem Tölt? Zudem hat Kunst, die in der freien Natur platziert wird, ein Problem: Gegen die Natur kommt sie nie an. Sie verliert mindestens mit 1:4.