• September 2022

NO REGGAE: NO CRY

Die Debatte über kulturelle Aneignung ist zum Haare-Raufen: Jetzt wird auch noch das bei Jung und Alt so beliebte und dieses Jahr mit dem Zirkus Knie durchs Land tourende Kleinkunstkabarett-Duo Ursus & Nadeschkin attackiert, weil Nadeschkin in ihrer Rolle eine Rastafrisur trägt. Der Zirkus Knie strich vor vielen Jahren schon unter dem wachsenden Druck der sich wandelnden öffentlichen Wahrnehmungen seine Eisbären-, Nashorn- und gar die Affennummer. Kommen nun auch noch die Komiker:innen wegen des kulturellen Haardiebstahls dran? Klar ist: Die an der Rastafrisur mit ihren Dreadlocks hängende Musikrichtung Reggae ist hierzulande schwer unter Druck geraten, denn die Musik gehört uns nicht, und wir haben kein Recht, uns bei unterdrückten Minderheiten zu bedienen, wie es uns gefällt. Wobei ein Verbot der Ausführung von Reggae durch privilegierte Schweizer:innen etwas wäre, mit dem ich gut leben könnte, denn ich mochte den weissgespülten, lauwarmen und selbstgefälligen Sun-is-shiningund-ich-rauch-noch-einen-Joint- und-alles-ist-easyund- cool- und-wir-fummeln-im-Hippiebus-rumoder-treiben-es-in-der-Hängematte-aber-faultiermässig- relaxed- und-vor-allem-erst-noch-eine-Tüterollen-lang- und-dick-wie-eine-Baguette-yeah!-Reggae noch nie besonders.

Ich weiss: Reggae ist nicht gleich Reggae, und nichts gegen stark dosierten, harzigen Dub aus kontrolliert jamaikanischem Anbau, etwa von Lee «Scratch» Perry (der wiederum des Öfteren mit nichtjamaikanischen Musiker:innen kollaborierte, etwa mit The Clash oder den Beastie Boys, durchs Band kulturelle Austauschprogramme mit Gewinn für alle). Aber reinweisser, hüftsteifer Alpenreggae wird wohl zukünftig nicht mehr am Radio gespielt werden können, sondern im kulturellen Giftschrank verschwinden, so auch der Kulturklau-Klassiker «Kiosk» von Polo Hofers Rumpelstilz zusammen mit allen Rastaperücken aus dem Fasnachtsbedarf.

Die Diskussion um kulturelle Aneignung im Musikgeschäft ist bei uns eben erst in Gang gekommen, nimmt aber rasch an Fahrt auf und erfasst wohl oder übel bald auch Genres jenseits des Reggae – so manche bis anhin selbstverständliche Selbstverständlichkeit wird erschüttert werden, oder anders gesagt: Gewisse Irrtümer werden aufgelöst, etwa der von Weissen gespielte Blues. Denn der Blues ist natürlich die musikalische Ausdrucksform von Unterdrückten par excellence – der Name sagt ja selbst, von was die Musik handelt. Der 2008 verstorbene Comedian George Carlin thematisierte diese Problematik bereits vor langer Zeit. Carlin meinte bezüglich des Blues, es genüge nicht zu wissen, welche Noten man spiele, sondern man müsse auch wissen, weshalb man sie spiele. Seine Meinung war klar: «In the first place, white people got no business playing the blues ever at all under any circumstances ever, ever, ever!» Zudem: Es sei schliesslich die Aufgabe der Weissen, den Schwarzen den Blues zu geben, nicht ihn zu spielen oder zu singen. Und sowieso: Weshalb sollten Weisse den Blues verspüren? Weil die Espressomaschine streike? Weil sich die Band Hootie and the Blowfish aufgelöst habe? Weil im Kleiderladen die Kakihosen ausverkauft seien?

Alle weissen Bluesmusikerinnen und Bluesmusiker sollten sich also auch in hiesigen Gefilden langsam nach anderen Musikrichtungen umhören. Polka, Walzer oder Country-Musik böten sich als Alternativen an. Natürlich werden die weissen Blueser:innen deswegen schaurig den Blues kriegen. Doch den müssen sie stumm leidend für sich behalten.