Nachruf auf den iPod
Als ich hörte, dass die Firma Apple Inc. beschlossen hatte, den iPod komplett aus dem Programm zu nehmen, da er angesichts der Fähigkeiten von Smartphones und Tablets obsolet geworden war, überkam mich eine Erinnerung. Früher besass ich einen solchen. Und zwar den allerallerersten iPod überhaupt, der auf den Markt gekommen war, ein weisses Ding mit einem kleinen Bildschirm und einem Drehrad, sechs Knöpfen und silbernem Rücken aus Metall. Ich hatte ihn im Media-Markt in Pratteln gekauft, das wusste ich noch ganz genau, es musste Ende 2001 gewesen sein, kurz nachdem in New York die Türme gefallen waren. Und ich erinnerte mich auch, dass ich wenig später darüber einen Artikel geschrieben hatte, für dieses Magazin. Der Artikel trug einen Titel, der auch der jetzige sein könnte: «Alles muss ein Ende haben.» Und in der Einleitung stand: «Niemand braucht mehr Schallplatten. Niemand braucht mehr Musikkassetten. Heute gibt es Geräte mit Platz für 1000 Songs. Ist das ein Fortschritt?»
Irgendwo musste dieser iPod noch sein. Es war Zeit für Hardware-Archäologie. Also stieg ich in den Keller. Und es ging nicht lange, da fand ich tatsächlich den iPod in einer Elektroschrottkiste, eingemottet in Luftpolsterfolie, zusammen mit alten Nokias, einem Walkman von Sony und einem Mini-Disc-Player von Sharp.
Wie lange mochte der iPod schon in jener Kiste liegen? Zehn Jahre? Mindestens.
Um den iPod wieder zum Leben zu erwecken, braucht man ein Kabel mit ziemlich dickem Fire-Wire-400-Stecker, welches man wiederum mit einem kompatiblen Computer verbinden muss. Also wühlte ich weiter, fand das Kabel, fand auch mein altes iBook (Modell «G3 Dual USB», welches seiner schneewittchenweissen Farbe wegen den Übernamen «Snow» trug, heute aber ein paar Altersflecken aufweist); und nach nochmaliger halbstündiger Suche fand ich in einer an eine Schlangengrube erinnernden Kabelkiste das passende Netzteil, um das alte iBook zu reaktivieren. Zufrieden verliess ich den Keller, obwohl mir war, als ob all die anderen Geräte dort unten – die aufgebahrte Nintendo-Konsole, die einbalsamierte Playstation 1, die kistenbestatteten antiken iPhones – wie Geister flehten, ebenfalls wieder ans Tageslicht getragen und zu neuem Leben erweckt zu werden. In der Wohnung stöpselte ich die Stecker in die Dosen, verband die Geräte, schloss alles an den Strom an. Es war ein wenig wie bei Dr. Frankenstein, bevor er den Hebel umlegte, um zu sehen, ob sein Monster erwachte. Zu meinem Erstaunen sprang das iBook sogleich an, der so oft gehörte, typische Apple-Startton erklang (der übrigens, dies nur nebenbei, vom kakophonischen Ende des Songs «A Day in the Life» von den Beatles «abgeleitet» war). Das System (OS 9.1) fuhr hoch, es liess sich Zeit. Der iPod nuckelte den Strom und erwachte ebenfalls. Das Ding funktionierte tatsächlich noch immer, nach all den Jahren des Schlafes!
Der iPod verriet im Einstellungen-Menü über sich selbst, dass er einen Namen besass, den er wohl von mir bekommen haben musste: Panda. Es sind 280 Songs auf der Maschine, mit einer Gesamtspielzeit von 16 Stunden, 5 Minuten und 14 Sekunden. Bloss 1, 22 Gigabyte sind belegt, 3, 42 wären noch frei, was mich etwas verwunderte. Der kürzeste Song ist «To Lester’s» von Carter Burwell vom Soundtrack zum Film «Being John Malkovich» (26 Sekunden), der längste «Music on a Long Thin Wire» von Alvin Lucier (18:57 Minuten), ein nervtötendes Stück des experimentellen Komponisten, welches sich anhört, als läge man in der Röhre eines Computertomografen. Was zur Hölle hatte das auf meinem iPod zu suchen? Wollte ich damit einem Mädchen von der Kunsthochschule imponieren?
Im Menü des iPod fand ich auch ein paar nützliche «Werkzeuge», etwa diverse Klangeinstellungen («Dance», «Latin», «kleine Boxen» et cetera), eine Uhr und einen Kalender sowie ein Spiel, welches man über das Scrollrad spielen konnte: «Pong». Ein Spiel, welches nur bedingt so etwas wie Spass oder Spannung verspricht.
Während der Strom in das Gerät floss, kamen mehr und mehr Erinnerungen an jene Zeit, in der ich den Panda in Betrieb gehabt hatte. Wo ich lebte. Was ich für Klamotten trug. Was ich tat. Wer ich gewesen war. Zwanzig Jahre ist es her. Damals war ich nicht mehr jung, aber auch noch nicht so alt wie heute. Das Leben war ein anderes gewesen. Nicht besser, nicht schlechter, aber definitiv anders.
Ich lud den Akku voll und nahm den iPod mit auf eine Reise, die mich zufälligerweise in jene Stadt führte, die ich vor siebzehn Jahren verliess, nachdem ich achtzehn Jahre dort gelebt hatte, Basel nämlich, wo ich mit dem iPod zusammen im St.-Johann-Quartier lebte. Es war eine Reise, wie ich sie früher oft mit dem iPod unternommen hatte, mit dem Kopfhörer auf den Ohren, im Zug aus dem Fenster blickend – denn vorbeifliegende Landschaft und Musik waren immer schon ein attraktives Pärchen gewesen.
Ein gutes Dutzend Playlists fand ich auf dem Panda. Alle mit gerade so vielen Songs, wie auf eine CD passen. Nicht zufällig, denn früher brannte ich noch CDs, für Freunde, als Mitbringsel, statt einer Flasche Wein oder Blumen: Musik frisch ab Laufwerk. Die Compact Disc! Wie es der wohl heute geht? Lebt die überhaupt noch? Irgendwann wird sich niemand mehr an diese Silberlinge erinnern, die einst angetreten waren, um die Vinylschallplatte abzulösen. Die Schallplatte ist noch immer lebendig. Aber die CDs? Die baumeln höchstens noch an Schnüren hängend in den Obstbäumen, um im Wind wirbelnd die frechen Vögel vom Kirschendiebstahl abzuhalten. Früher nahmen die Bauern zur Abschreckung dafür tote Krähen. Heute CDs. So ist der Fortschritt.
Der Zug nach Basel fuhr aus dem Abfahrtsbahnhof, ich stülpte die Kopfhörer über meine Ohren, drückte «Play», eine Gitarre erklang, dann ein Piano, eine tiefe Stimme, wohlvertraut, aber lange schon nicht mehr vernommen: «Can We Start Again?» von den Tindersticks. Ein guter Song, um irgendwo loszufahren.
Ich scrollte mich durch die Wiedergabelisten auf meinem wiederentdeckten iPod, alle trugen Namen von Menschen oder Orten. Eine dieser Playlists heisst «Otzentreff». Ich musste kurz über diesen doch seltsamen Namen nachdenken. Dann fiel es mir wieder ein: Diese Playlist hatte ich für einen Freund in Hamburg zusammengestellt, der so heisst wie ein Schweizer Bauunternehmer, aber in einem ganz anderen Metier tätig ist. Ich hatte die CD für ihn gebrutzelt, zum Dank, nachdem er mich in Hamburg in eine Kneipe namens Otzentreff geschleppt hatte, eine Kneipe par excellence mit Ausschank von Fassbier am Tresen, an der Otzenstrasse 4. Ein Strassenname, wie es ihn bloss in Hamburg geben kann (so wie Milchstrasse, Hühnerposten, Ellenbogen). Keine Ahnung, ob es den Otzentreff noch gibt, aber die Erinnerung ist präsent, wenn auch etwas fragmentiert. Und eine Sehnsucht überkam mich: Hamburg. Da war ich gerne gewesen! Wie heisst es doch in dem Song der Lassie Singers? «Du altes Hamburg/ unsere Schatzstadt/wo am Hafen/die Schiffe und die Fische schlafen». Und dann wurde mir bewusst: Ich sass ja im Zug. Einem ICE. Der fuhr direkt nach Hamburg. Ich konnte in Basel einfach sitzenbleiben. Um 17.54 Uhr führe der Zug im Hamburger Hauptbahnhof ein (gemäss Fahrplan). Ob es im Pudel Club am Fischmarkt den Typen noch gibt, der morgens um vier Leberwurststullen verkaufte?
Sowieso: Erinnerung. Starker Tobak! Je länger ich den iPod hörte, desto mehr kam es mir vor, als hörte ich den Soundtrack zu einem Film, den man länger nicht gesehen hatte. Ganz so, wie wenn man den Fernseher einschaltet, und da läuft ein Streifen, der einem bekannt vorkommt, an dessen Handlung man sich in groben Zügen erinnert, aber viele Szenen doch vergessen zu haben scheint (und vor allem auch das Ende). Ein Film, der einen irgendwie noch gut dünkt, aber halt einfach auch: Alt. Langsamer geschnitten und in anderen Farben. Und diese Frisuren und Klamotten! Und eben: Seltsamer Soundtrack; irgendwie noch cool, aber definitiv alt.
Was mir auffiel: Viele der 280 Titel sind eher melancholischer Natur. Von The Jesus And Mary Chain etwa («Psychocandy»). Oder die endlos traurige aber auch wie eine isländische Vulkanlandschaft schöne Musik von Sigur Rós («Vaka»). Oder das bittersüsse «Avril 14th» von Aphex Twin. Ich hatte damals wohl eine etwas weinerliche Phase. Eventuell Liebeskummer gar? War der iPod meine Medizin gewesen? Eine Popsong-Pillendose gegen Weltschmerz? Kann gut sein. Denn ich sah schon immer eine der Stärken von Musik darin, den Menschen trösten zu können – oder so etwas wie ein Schlammbad der Melancholie zu sein, in dem man sich suhlen kann. Ich hörte damals scheinbar auch ziemlich viele Songs der schottischen Band Belle and Sebastian, was ich heute weniger tue. Ich war damals wohl so etwas wie ein Fan gewesen – und mir kam in den Sinn, dass ich den Sänger einst in Glasgow zum Interview traf und so nervös war, dass ich nicht mehr wusste, was ich ihn fragen wollte. Obwohl die schottische Sprache der Konversation sicherlich auch nicht förderlich war, ist dies doch eine Erinnerung an eine der vielen Angelegenheiten im Leben, die man hätte anders machen können, sollen, müssen.
Es findet sich auf dem Panda auch französische Ware, die jedem Erotikstreifen gutgestanden hätte (von Serge Gainsbourg etwa das Stück «Evelyne»), italienische Schmachtfetzen («Ho Capito Che Ti Amo» von Wilma Goich) oder die Titelmelodie zum TV-Klassiker «Drei Nüsse für Aschenbrödel». Und dann auch noch neue deutsche Ernsthaftigkeit («Ich heirate eine Familie» von Tocotronic). Meine Güte! Mein Leben war vor zwanzig Jahren scheinbar ein Gemischtwarenladen der Gefühle! So viel lässt sich zumindest anhand der gehörten Musik schlussfolgern. Und was ist es heute? Das ist nicht so einfach zu sagen, zumindest lässt es sich nicht mehr an einem Soundtrack festmachen, denn die Musik hat heute nicht mehr die Wichtigkeit in meinem Leben, die sie einmal gehabt hat. Früher spielte immer Musik, immer, immer. Heute dann und wann.
Kaum hatten wir den Hauenstein-Basistunnel hinter uns und schossen aus dem Dunkel wieder ins Licht und Basel entgegen, gab der altersschwache Akku des iPod den Geist auf. Der Ton brach ab. Der Bildschirm erstarb. Aber das war okay, denn: Ein ganzes halbes Gigabyte Erinnerung auf einmal ist sicherlich nicht gesund. Ich nahm den Kopfhörer ab und blickte aus dem Fenster des Zuges. Wir fuhren an einem Schwimmbad vorbei, welches zu einem Ort gehörte, in dem ich in die Sekundarschule gegangen war. Vor vierzig Jahren. Damals hatte ich einen Kassettenrekorder von Saba, mit dem ich die Radiohitparade aufnahm, beflissen darauf bedacht, kein Moderatorengelaber mitzuschneiden. Wo dieser Kassettenrekorder heute wohl ist? Bestimmt längst rezykliert. Vielleicht wurde aus seiner schönen Plastikhülle ein Abflussrohr.
Vor zwanzig Jahren endete der «Magazin»-Artikel übrigens so: «Für den iPod bin ich nicht reif. 1000 Songs. Was soll ich mit einem 1000-Song-Reich? Das sind 3000 Minuten, 50 Stunden, 2,08 Tage. Ich will aber nicht 2,08 Tage Musik nonstop in meiner Tasche. Schon allein der Gedanke daran macht mich nervös. Wann soll man die hören? Eine CD dauert 70 Minuten oder weniger. Und das nicht ohne Grund. Alles hat seine Länge. Alles hat seine Dauer. Alles hat seine Grösse. Alles hat einen Anfang. Und alles hat ein Ende.»
Ich änderte meine Meinung bezüglich des iPod dann scheinbar doch. Sonst hätte ich mir nicht andere Exemplare davon zugelegt. Den letzten der «Classic»-Serie gar mit einer 160-Gigabyte-Festplatte, was zweiunddreissig Ur-iPods entspricht; aber dies ist auch schon wieder sieben Jahre her und eine andere Geschichte, lange ist er schon nicht mehr in Gebrauch. Heute gibt es dank Spotify und Tidal und den anderen Anbietern (vermeintlich) alles immer und überall und erst noch in bester Qualität. Ob das gut ist? Ich denke schon. Aber sicher bin ich mir nicht.
Als ich aus Basel wieder zurückgekehrt war, zeigte ich den iPod meinen Kindern, die jünger als der iPod sind. Ich hätte ihnen auch ein altes Grammofon zeigen können oder ein Telefax. «Das war mal der heisseste Scheiss!», sagte ich. «Boomer-Zeugs», sagten sie und zuckten mit den Schultern. Also zuckte ich auch mit den Schultern, legte den Panda samt Kabel und zugehörigem iBook zurück in die Kiste im Keller, eingeschlagen in Luftpolsterfolie. Möge er dort in Frieden weiter ruhen. Doch eine Frage lässt mich nicht los: Weshalb war der iPod mit dem Namen Panda nur zu einem guten Viertel mit Musik gefüllt? Und wie klängen wohl die anderen drei Viertel?
PS: Wer das Früher hören möchte: Ich habe den Inhalt des iPod als Spotify-Playlist rekonstruiert. Gewisse Lieder sind auf Spotify zwar nicht existent (leider etwa das erwähnte «Evelyne» von Serge Gainsbourg…und glücklicherweise für Sie auch «Music on a Long Thin Wire» von Alvin Lucier), die meisten aber schon. Man findet die Playlist unter dem Titel «PANDA (MY FIRST iPOD)».