• Februar 2023

MOBILE AUSKUNFT

«Zum Zentralbahnhof», sagte ich in meinem besten Italienisch, das in meinen Ohren aber irgendwie spanisch klang. Doch der Taxifahrer nickte und gab Gas. Bald richtete er das Wort an mich, erzählte etwas, ich verstand kein Wort, bejahte aber eifrig, pflichtete ihm bei. Dann war es an mir, das Gespräch in Gang zu halten, und ich fragte den Taxifahrer die Frage aller Fragen: ob er für Inter oder für die AC sei. Denn in dieser Stadt gibt es ja zwei ähnlich grosse und legendäre Fussballvereine. Und Mailand war an jenem Sonntag in anderen Umständen, Derby-schwanger, abends trafen im San Siro die beiden Stadtrivalen aufeinander, Inter empfing die AC in dem Stadion, welches sich die beiden Teams teilen. Man hatte die Fans tagsüber durch die Stadt schlendern sehen, mit Trikots und Schals, rot-schwarz die einen, blau-schwarz die anderen, so mischten sie sich unter die Tauben auf der Piazza del Duomo.

Es gab so viel Fragen! Was unterscheidet die beiden Vereine? Wofür stehen die Wappenfarben? Wie ist die politische Ausrichtung der jeweiligen Fans? Wer hat welchen Ausrüster? Ist Zlatan noch verletzt? Und wieso fehlt bei der AC Milan am Ende ein Buchstabe im Namen? Bald würden meine Fragen beantwortet sein. Denn Taxifahrer:innen, so wusste ich, wussten alles. Wenigstens war dem früher so gewesen, da las man in Zeitungen ständig von Taxifahrern (damals immer männlich), die ihre Meinung zu politischen Situationen oder gesellschaftlichen Stimmungen kundtaten. Meist hatten Journalist:innen in fremden Städten dank des Taxifahrers den Artikel schon auf dem Weg vom Flughafen ins Hotel geschrieben. Heute tauchen Taxifahrermeinungen in Zeitungsartikeln kaum mehr auf, was natürlich vor allem einen Grund hat: Journalist:innen können sich keine Taxis mehr leisten, sie müssen zu Fuss gehenoder das Tram nehmen. Einen Trampiloten nach seiner Meinung zu fragen ist um einiges schwieriger, als einen Taxifahrer auszuquetschen. Und manchmal musste man den gar nicht fragen; ich erinnere mich noch gut, wie ein Taxifahrer in Genua mir einst wortreich die politische Situation in Italien erklärte und wie etwa mit Kriminellen zu verfahren wäre – wenigstens aus seiner Sicht. Ein Monolog, der mit dem Satz endete: «Sono come Rambo!» Dies sprach er, während er seinen Alfa durch die nächtlichen Strassen von Genua lenkte mit Tempo Teufel und mich gleichzeitig mit den Augen fixierte.

Der Taxifahrer in Mailand war gemütlich unterwegs, die sonntäglichen Strassen waren wenig frequentiert, einmal drückte er auf die Hupe, ohne Grund, aus purer Freude am Hupen.

Er blickte nach meiner Frage nach seiner Interoder AC-Zugehörigkeit kurz in den Rückspiegel. Ich dachte, er sage nun vielleicht, er sei kein gebürtiger Mailänder, er unterstütze die Vecchia Signora aus Turin, die Aquilotti aus La Spezia oder die Zebrette aus Udine. Denn war nicht der Fussball ein Stück im Herzen herumgetragene Heimat für all jene, die in die vielleicht gar nicht so ferne Fremde zogen, weshalb auch immer? Aber nein, der Taxifahrer sagte: «Weder noch. Ich hasse Fussball. Es gibt nichts Langweiligeres.»

Schweigend fuhren wir weiter. Die Pneus prasselten über das Kopfsteinpflaster. Am Bahnhof gab ich dem Fahrer ein gutes Trinkgeld. Er bedankte sich mit einem schlichten «grazie», winkte leger zum offenen Fenster hinaus und brauste davon. «De nada», rief ich ihm nach, die Hand zum Abschied erhoben. Der Zug verliess Milano Centrale pünktlich, und abends wurde das Spiel ebenso pünktlich angepfiffen.