MEIN FILMISCHES FITNESSABO
Ende Dezember des vergangenen Jahres verstarb nicht nur das schreckliche Jahr 2022 selbst, sondern leider auch ein Brite namens Mike Hodges. Allerdings erfuhr man es kaum. Die Zeitungen hierzulande berichteten nicht darüber, ausser «Le Matin», wo man seinen Tod einer kurzen Depesche einer französischen Nachrichtenagentur entnehmen konnte. Mike Hodges war Filmregisseur. Das ist wohl der Grund, weshalb es hier niemanden interessiert. Er war im Kulturbereich tätig. Denn auch die Kultur ist am Sterben, oder besser gesagt: Man lässt sie abserbeln, eingehen, verenden. Zumindest in den Medien. Über Kultur wird nur noch berichtet, wenn es um Steuergeldverschwendung geht oder sonst wie politisierbare Empörung. Der inhaltliche Berichterstattungspegel sinkt und sinkt. Kunstkritik? Vor Jahren verblichen. Beim Wort «Feuilleton» denkt man längst an ein Blätterteiggebäck.
Als ich von Hodges Tod hörte, hatte ich das Bedürfnis, mir ein paar seiner Werke anzusehen. Hodges wurde berühmt durch seinen Neo-Noir-Krimi «Get Carter» mit Michael Caine in der Hauptrolle. Ich kenne den Film dank dem Programmkino (siehe «Das Magazin» N°21/2021: «Ich war noch niemals in: ‹Get Carter›»), mit dem Restoeuvre des Regisseurs bin ich jedoch nur vage vertraut. Naiverweise dachte ich, man fände bei einem der Streaminganbieter etwas von Hodges. Doch weder Disney+ noch Sky noch Netflix führen auch nur einen einzigen seiner Filme im Angebot. Immerhin empfiehlt Netflix eine auf dem erfolglosen Suchergebnis basierende, von Algorithmen errechnete und somit in diesem Sinne naheliegende Alternative, denn man möchte als Streaminganbieter ja nicht nichts anbieten – allerdings entspricht die Serie «Emily in Paris» eher weniger meinem Beuteschema. Hodges’ Werk scheint vergessen. Doch es gibt eine Lösung: Die letzte physische Videothek weit und breit namens «Les Videos» in Zürich. Dort führt man alle von Hodges erhältlichen Filme. Und das Beste an «Les Videos»: Wählt man die Premiummitgliedschaft, ein Flatrate-Abo für 365 Franken, kann man so viele Filme ausleihen, wie man will. Und vor allem kann man sie so lange behalten, wie man möchte. Das ist Gold wert für alle, die schon immer ihre liebe Mühe damit hatten, Leihfristen einzuhalten.
Im letzten Jahr holte ich mir zwar nicht viele Filme bei «Les Videos». Ich kam wohl nicht dazu. Und einenhabichschonziemlichlangerumliegen(«Rififi» von Jules Dassin). Aber 2022 war auch – wie eingangs erwähnt – ein schreckliches Jahr. Doch es geht ja auch nicht darum, dass sich die Sache rechnet, dass man möglichst viele Filme ausleiht, sondern darum, dass man die Möglichkeit besitzt, dies zu tun: Dass die Vielfalt erhalten bleibt. Dass man die Option besitzt, sich einen Streifen von beispielsweise Mike Hodges anzusehen, wenn man dies möchte. Darum geht es doch bei der Kultur: um Vielfalt. Deshalb werde ich auch weiterhin etwa am heimischen Bücherregal festhalten, auch wenn jüngere Menschen argwöhnen, es handle sich dabei um eine Möchtegern-Bildungsbürger-Tapete. Und deshalb werde ich auch dieses Jahr mein filmisches Fitnessabo bei «Les Videos» erneuern, wo 36’500 Filme und Serien warten. Denn was sind schon 365 Franken verglichen mit 36’500 Möglichkeiten? Ob man sie heute nutzt oder nicht, das ist nicht wichtig. Wichtig ist die Garantie, dass man es auch morgen noch tun kann. Denn wenn es vorbei ist, dann ist es vorbei. Und heute steht auf dem Programm: «I’ll Sleep When I’m Dead» mit Clive Owen, Charlotte Rampling und Jonathan Rhys Meyers.