• Oktober 2025

Das Ding mit Küng: Strava: Mehr braucht der velofahrende Mensch nicht (okay, zwei Räder noch)

Wie erfährt man davon, dass ein Mensch mittleren Alters mit dem Rennradfahren begonnen hat? Er wird es dir erzählen! Denn mit einem Velo in der Gegend herumzufahren, ist in der Tat genial – und der Drang, von den kleineren und grösseren Abenteuern zu berichten, die man dabei erlebt, ist gross.

Nur hält sich das Interesse des unbeteiligten Umfelds oder der Familie diesbezüglich leider oft in Grenzen. Man kommt von einer Ausfahrt nach Hause, erzählt sprudelnd und mit vor Begeisterung glühenden Augen von all den herrlichen Dingen, die man gesehen und erfahren hat – und die Daheimgebliebenen sagen müde bis gähnend: «Aha. Schön für dich.»

Ein perfektes Mittel, um die eigenen velösen Heldentaten und Superleistungen mit der mehr oder minder interessierten Öffentlichkeit zu teilen, ist Strava: Eine Onlineplattform und App, auf der Sportler:innen ihre Aktivitäten teilen und vergleichen können.

Nebst Angaben über Zeit und Distanz sowie einer detaillierten Leistungsanalyse wird praktischerweise auch die zurückgelegte Strecke kartografisch dargestellt (siehe Bild). Satelliten im Himmel und dem Globalen Positionsbestimmungssystem (GPS) sei Dank! Seit Jahren schon machen sich kreative Geister diese technologischen Errungenschaften zunutze, um auf diese Art zu «zeichnen». GPS-Art nennt man das. So manifestiert sich die gefahrene Strecke als geometrisches Muster, wird zu einer lustigen Figur oder einem Wort.

Derzeit beschäftige ich mich mit dem charakteristischen Frass-Bild des Borkenkäfers, welches das Insekt unter der Rinde von Fichten, Tannen und Kiefern hinterlässt. Einerseits gefällt mir das filigrane Muster, welches der forstwirtschaftliche Schädling frisst, andererseits erscheint es mir auch als eine Art Denkmal für die Holz- und Irrwege, die man im Leben schon gegangen ist – für all die Fehler, die man gemacht und aus denen man (hoffentlich) etwas gelernt hat.

Hinfahren und umkehren – wie ein Borkenkäfer

Die Vorgehensweise, um mit dem Velo ein schönes Borkenkäfer-Frassbild zu zeichnen, ist einfach: Man fährt einen Weg bis zu einem gewissen Punkt, macht kehrt und fährt den Weg wieder zurück.

So verfährt man mit allen von einer Route abzweigenden Wegen, die einen locken. Nun ist es so, dass gerade im von Hündelern, Nordic Walkerinnen oder Pilzfreaks gut frequentierten Herbstwald ein Velofahrer, der kreuz und quer und hin- und herfährt, seltsam bis ängstigend anmutet.

Deshalb habe ich mir angewöhnt, mich zu erklären; begegne ich jemandem zum wiederholten Mal, rufe ich von weitem schon laut: «Ich bin ein Borkenkäfer! Ich bin ein Borkenkäfer!» Allerdings scheint die Erklärung für mein Tun die Menschen nur noch mehr zu verwirren. Auch ausserhalb des Waldes ist das systematische und serielle Fehlbefahren von Strassen für Passanten und Anwohnerinnen auffällig bis verdächtig, vor allem in agglomerativen Wohngebieten.

In den USA – so dachte ich bei der letzten Fahrt, als mir der mit einem Laubbläser bewaffnete Hauswart argwöhnisch nachblickte – würde man beim Borkenkäferverhalten eines Velofahrers sicher die Polizei oder die Neighbourhood Watch rufen oder gleich zur hauseigenen Schrotflinte greifen. Aber noch sind wir hier nicht in den USA, und man kann die Strassen rauf und runter kurbeln – und wunderprächtige Borkenkäfer-Frassbilder zeichnen: Monumente des beharrlichen Scheiterns.