• Juli 2025

Das Ding mit Küng: Trinkst du noch oder nuckelst du schon?

Ein Kindheitsfreund hatte einen Patenonkel, der war Pilot. Und der brachte ihm von seinen Reisen Geschenke mit. Dinge, die es bei uns (noch) nicht gab. Der Freund war der erste Mensch, den ich mit einem Walkman sah, er hatte die neueste Videospielkonsole, an den Füssen stets die coolsten Turnschuhe. Sein Glück war unfassbar, mein Neid grenzenlos.

Solche Geschenke waren möglich, als die Welt noch nicht durchglobalisiert war. In der heutigen Zeit der ständigen Verfügbarkeit ist es schwierig geworden, seinen Liebsten von Reisen etwas mitzubringen, von dem sie nicht wissen, wo es zu bekommen wäre – oder dass es überhaupt existiert.

Unlängst hatte ich beruflich in Texas zu tun (und sah dort übrigens keinen Menschen mit MAGA-Mütze, bloss einen einzelnen Cybertruck, und niemand hatte Lust, über Politik zu reden). Der Wunsch, den Kindern etwas von dort mitzubringen, war gross, ja zwingend. Doch was? Schlangenlederstiefel? Unethisch! Cowboyhüte? Kulturelle Aneignung! Südstaatenflaggen? Die Kinder würden mich lynchen!

Dann landete ich in einer Filiale von Dick’s, einem Geschäft für Sport- und Freizeitartikel. Von aussen ein unscheinbarer Laden, nach Betreten aber fand ich mich in einem tempelartigen Schaulager wieder: footballfeldlange Regale mit allem, was der aktive Mensch eventuell irgendwie gebrauchen könnte. Von Baseball über Golf bis Angeln. Die Amis müssen wahnsinnig viel Freizeit haben! Eine Abteilung von Dick’s widmet sich gänzlich einer der grossen Obsessionen des Landes: Trinkflaschen.

Man scheint eine echte Paranoia davor zu haben, zu dehydrieren – angesichts der Aussentemperaturen in Texas eine durchaus nachvollziehbare Angst. Allerdings kann man bei Dick’s im Laden verdursten, bevor man sich für eine Trinkflasche entschieden hat, denn die Auswahl ist so gewaltig, schlicht schwindelerregend, ja paralysierend.

Kurz zusammengefasst: Vier Marken dominieren die Trinkflaschenabteilung: Yeti, Stanley, Hydro Flask und Owala. Von jeder Marke gibt es x Modelle in zig Grössen, und die Zahl der Farben ist Legion. Man schaut, vergleicht, versucht zu verstehen. Und je länger man vor diesen Trinkflaschenaltären steht, desto unmöglicher erscheint eine Wahl.

Aber irgendwann schliesst ein jeder Laden. So habe ich mich kurz vor Lichterlöschen für handgepäckfreundliche Modelle der Marke Owala entschieden, denn sie verfügen über einen in der Flasche integrierten Halm: Man kann die Flüssigkeit trinken, ohne die Flasche zu heben. Man muss den Kopf nicht in den Nacken biegen, sondern kann bequem an der Pulle nuckeln. Und wer nuckelt nicht gerne? Nuckeln hat Würde. Nuckeln ist diskret. Nuckeln ist beruhigend. Und Nuckeln erinnert einen an die Lebenszeit, an die man keine Erinnerung hat: Diese Flasche ist der bunte Edelstahlschoppen für den aktiv auf sein Lebensende zujoggenden Jetztmenschen.

Klar, diese Nuckelflaschen haben nix mit Texas zu tun (abgesehen von der wüstengeschürten und geiergarnierten Fantasieangst vor dem Verdursten). Doch sie kamen zu Hause gut an – denn entgegen den meisten Mitbringseln, sind sie tatsächlich zu etwas zu gebrauchen.

PS: Die Flaschen gibts auch online. Aber hey, es ist einfach nicht dasselbe. Zudem: Portokosten! Zoll! Und Vorsicht: Es wimmelt vor Fake-Websites!

Foto: Julia Ishac