• April 2026

Max Küng über eine teure Leidenschaft: Meine Frau fragte nur: «Warum interessieren sich Männer eigentlich für Uhren?»

Manchmal bleibe ich vor Schaufenstern von Uhrengeschäften stehen und sehe mir die Auslage an. Es ist nicht so, dass ich dringend eine Uhr benötige, im Gegenteil. Würde die Uhr an meinem Handgelenk stehen bleiben, hätte ich andere in Reserve. Es sind allesamt Uhren, die über die Jahre nicht grundlos in mein Leben kamen.

Aber ich denke viel und gerne über Uhren nach – das hat zum Teil damit zu tun, in dieser Zeit nicht über andere Dinge nachdenken zu müssen. Es sind Fluchtgedanken an Dinge, die nur entfernt mit meinem Leben zu tun haben. Uhren sind zwar reale Gegenstände, aber die meisten sind unerschwinglich – ironischerweise vor allem die, die ich schön finde.

Lieber aufs Zifferblatt blicken als aufs Smartphone

Es gibt diese Werbung für eine eher hochpreisige Uhrenmarke – der Slogan sagt, man besitze eine Uhr gar nicht, sondern hüte sie bloss für die nächste Generation. Ein nobler Gedanke, der dem Kauf einer teuren Armbanduhr eine moralische Legitimation verschafft. Es geht nicht um schnöden Besitz oder Prestige, sondern um Kontinuität, weise Voraussicht und Fürsorge – und das Nachdenken über die eigene Endlichkeit.

Allerdings: Meine Kinder wollen keine Uhr. Sie finden es unnötig bis irrsinnig, sich für teures Geld einen Klumpen Metall zu kaufen, den man durch die Welt trägt (und eventuell verliert, oder der einem gar per Diebstahl abhanden kommt); denn die Zeit wird jederzeit angezeigt, etwa vom Computer oder Handy. Sie ist quasi gratis zu haben.

Doch genau deshalb halte ich Armbanduhren die Treue: Jeder Blick auf ein Zifferblatt mit seinen sich gemächlich bewegenden Zeigern ist kein Blick auf ein Smartphone. Er ist eine kurze Verbindung zu einer vielleicht altmodischen, vergehenden oder bereits vergangenen Zeit: zur analogen Welt.

Wir Menschen sind multisensorische Wesen. Wir fühlen und wollen echte Dinge sehen und berühren. Deswegen etwa ist das Kochen so heilsam (da kann man auch noch schmecken und riechen). Und darum ist es immer ein tröstliches Gefühl, am Morgen nach der Uhr auf dem Nachttisch zu greifen und etwas Reales in den Händen zu halten – das dann auch noch so freundlich ist, mit einem Zeigerzeig darauf hinzuweisen, dass man verschlafen hat.

Nachts auf Uhren-Schau

Manchen genügt es nicht, nur eine Uhr zu besitzen. Sie denken auch an Uhren, die sie nicht (oder noch nicht) haben. Zu dieser Gruppe Menschen gehöre ich. Also bleibe ich vor Schaufenstern von Uhrengeschäften stehen. Die eine Taucheruhr von Blancpain etwa (Modell Fifty Fathoms Bathyscaphe), die kennt mich wohl langsam schon, weil ich sie so oft anstarre. Die denkt sicher: Nicht der schon wieder! Der Voyeur mit den grossen Augen, aber ohne Geld in der Tasche!

Auch nachts schaue ich mir gerne Uhren an, bei Onlinehändlern. Oder in der Mittagspause. Oder auch mal zwischendurch. Aber ich denke, es gibt Blöderes, was man sich nachts oder mittags oder zwischendurch im Netz anschauen kann. Ausserdem: Es war schon schlimmer, das mit dem Nachdenken über Uhren – viel schlimmer.

Vor einem Vierteljahrhundert machte ich mir so viele Gedanken über eine bestimmte Uhr, dass daraus die fixe Idee entstand, sie tatsächlich besitzen zu wollen. Das Problem jedoch erkannte ich beim Uhrenhändler, genauer stand es auf einem winzigen Schildchen, das an einem aufreizend dünnen Faden an der Uhr baumelte: Der Preis – fünfstellig.

Bei der Uhr handelte es sich um das Modell Royal Oak der Uhrenfirma Audemars Piguet aus dem Schweizer Jura. 1972 kam sie auf den Markt, entworfen vom legendären Uhrendesigner Gérald Genta.

Im Geschäft machte ich mit dem iPhone Fotos der Uhr an meinem Handgelenk und zeigte sie zu Hause meiner Frau. Sie zuckte mit den Schultern. «Warum interessieren sich Männer eigentlich für Uhren?», fragte sie.

Ich dachte nach und wollte anmerken, dass sich durchaus auch Frauen dafür interessieren, aber ich hatte anscheinend keine von ihnen geheiratet. Stattdessen sagte ich: «Es ist die Mobilität des Objektes, die es zulässt, sie immer bei sich zu tragen. Das macht die Uhr zu einem persönlichen Gegenstand. Gleichzeitig kann sie, obwohl sehr klein, sehr teuer sein, aber nicht so teuer, dass man sie sich niemals leisten könnte. Diese Dinge machen sie so begehrenswert. Zudem hat es Zahnräder drin. Viele Zahnräder!»

Unaufhaltsam wand sich der Hirnwurm: Ich wollte diese Uhr! Daher eröffnete ich ein Sonderkonto und begann ein sparsames Leben. Sobald ich etwas kaufen wollte, Socken etwa, liess ich es – das Geld kam stattdessen aufs Sonderkonto. Anstatt meine Frau zum Essen auszuführen, regte ich spontan Intervallfasten an. So vergingen Wochen, Monate, ein Jahr und mehr. Bis das Geld zusammengespart war.

Noch vor Ladenöffnung stand ich vor dem Geschäft. Als ich ins Schaufenster blickte, sah ich mich als Spiegelbild. Es schien mich zu fragen: «Meinst du tatsächlich, dein Leben wird besser durch einen Gegenstand?» Ich geriet derart in Zweifel, dass ich Zeit gewinnen musste, um nachzudenken.

Ein paar Tage später fällte ich eine Entscheidung. Ich ging zu meinem Chef und bat ihn um drei Monate unbezahlten Urlaub. So lange würde das Geld, das ich für die Uhr angespart hatte, zum Leben reichen.

Ich hatte mir eine Uhr kaufen wollen, stattdessen kaufte ich mir Zeit.

Hätte ich doch nur die Royal Oak gekauft!

Die Geschichte der gekauften Zeit finden die meisten Menschen schön. Mein Sinneswandel erscheint klug. Doch retrospektiv betrachtet war es einfach nur dumm. Einerseits verging die damals erkaufte Zeit, denn das ist ihre Natur: Sie zerrinnt. Was ich mit ihr anfing? Weiss ich nicht mehr. Sehr wahrscheinlich sass ich zu Hause und sah mir im Internet Uhren an. Hätte ich damals die Royal Oak gekauft, könnte ich sie heute mit Gewinn verschachern! Doch weiter darüber nachzudenken, ist müssig – man kann die Uhr nicht zurückdrehen.

*

Nicht selten ist eine Armbanduhr auch ein Symbol für etwas, das man im Leben erreicht hat. Auch ich besitze eine solche Uhr. Doch es ist auch eine Uhr, die von Verklemmtheit erzählt – oder von Bescheidenheit.

Da, wo ich herkomme (Bauerndorf im Kanton Baselland), ist Protzen verpönt. Das prägt. Dick sind dort die Kartoffeln, die Euter der Kühe und die Hinterreifen der Traktoren – aber sicher nicht Armbanduhren. Ganz anders ein Musikproduzent, den ich vor einer Weile für ein Porträt besuchte: Lambo und Rolls in der Garage, eine Uhr im sechsstelligen Bereich am Handgelenk, und zwar ein grosszügig mit Edelsteinen verziertes Modell aus Weissgold. Stolz trug er diese Uhr und sagte etwas, das mich eine Weile beschäftigte: Wenn er einen Erfolg erzielt habe, dann sei er nicht so verklemmt, sich nichts zu gönnen und sich für diesen Erfolg nicht zu belohnen.

Ich nahm mir vor, fortan auch weniger verklemmt zu sein. Just damals erschien mein letzter Roman. Also sagte ich mir, dass ich mich mit einer Uhr belohnen würde, sollte sich das Buch mehr als zehntausendmal verkaufen. Schneller als gedacht war es soweit – und ich «gönnte» mir eine Tudor aus den 1990er-Jahren, einen Chronographen (Referenz 79280), den ich bei einem seriösen Gebrauchtuhrenhändler fand.

Tudor stammt aus demselben Haus wie Rolex und produziert so etwas wie eine Alternative für ein preissensitives Publikum. Früher nutzte man dafür einfach die Gehäuse von Rolex und versah sie mit günstigeren Werken, weshalb bei älteren Tudor-Modellen das Markenzeichen von Rolex auf der Aufzugskrone zu finden ist: das berühmte fünfzackige Krönchen. Man trägt somit eine Rolex, ohne dass man es auf den ersten Blick erkennt.

Auch meinem Sohn erklärte ich diese Besonderheit, erzählte ihm, es sei eine Rolex für Leute mit einem Faible für Understatement. Kurz darauf hatten wir Streit wegen irgendwas, worauf er die Zimmertüre hinter sich zuknallte. Als ich mit ihm sprechen wollte, meinte er: «Mit Typen, die so verklemmt sind, dass sie keine echte Rolex tragen, rede ich sicher nicht!»

Ich weiss, dass man sich niemals Dinge kaufen sollte, die man nicht mit eigenen Augen gesehen hat, sondern bloss von Bildern im Internet kennt. Diese Lektion habe ich schon mehrmals lernen dürfen. Etwa bei einer Omega Seamaster 120 (Referenz ST396.0928 196.0229), die den Spitznamen Nimitz trägt, nach dem Flugzeugträger.

Warum sie so genannt wird, fand ich nie heraus, dafür etwas anderes, und das sehr schnell: Sie ist in echt kleiner als auf dem Bild, oder mein Handgelenk ist zu gross – jedenfalls passen sie nicht zueinander. Also wollte ich sie wieder loswerden, denn sie erinnerte mich daran, wie dumm ich war, sie ungesehen zu kaufen. Da lernte ich noch etwas, das ich eigentlich bereits wusste: Kaufen ist einfacher als Verkaufen – viel einfacher!

Es gibt Wörter, bei denen ich nie weiss, wie man sie korrekt schreibt. Schrank etwa schreibe ich immer mit «ck». Oder Nachttischlampe mit nur einem «t». Bestimmt ist die Verkabelung in meinem Gehirn bei gewissen Wörtern fehlerhaft. So ist es auch mit dem Wort Quarz, das ich verlässlich falsch mit «tz» schreibe.

Glücklicherweise ist Quarz ein Wort, das selten geschrieben werden muss. Ausser jetzt, denn ich bin ein grosser Freund von Quarzuhren. Vor allem eine alte Omega hat es mir angetan, die Seamaster Polaris ⅒ (Referenz DB 386.1031) von 1988.

Mit Quarz harzt’s

Damals war Quarz ultramodern und State of the Art. Sie hatte einen entsprechend hohen Ladenpreis, was auch an der aufwendigen Fertigung lag – das Gehäuse aus satiniertem Stahl weist eingelegte Elemente aus Gelbgold auf. Eine Materialkombination, deren Farbigkeit heute für ein Gesicht sorgt, das man macht, wenn man in eine Zitrone beisst. Auch deshalb ist sie nicht überaus beliebt, obwohl auch sie vom zuvor erwähnten Genie Gérald Genta entworfen wurde.

Für viele sind Quarzuhren per se ein No-Go. Sie vermissen, was eine Uhr ihrer Meinung nach erst ausmacht: das mechanische Werk. Die Zahnräder, die Hemmung, die Unruh. Das schlagende Herz, das dem Objekt die Seele verleiht. Dabei verkennen sie die Vorteile von Quarzuhren, etwa die flachere Bauweise und die unschlagbare Genauigkeit. Und für Sammler mit begrenztem Budget auch nicht ganz ohne: Das Preisgefüge ist human. Sie sind ein wenig wie ausgesetzte Haustiere: Man muss sie einfach gern haben!

Charakteristisch für eine Quarzuhr ist das Hüpfen des Sekundenzeigers. Bei mechanischen Uhren bewegt er sich in kleineren Schritten. Am allerschönsten aber vergeht die Zeit bei den Spring-Drive-Uhren von Seiko, einem japanischen Hersteller, dessen Edelmodelle unter dem Namen Grand Seiko vertrieben werden. Man kombiniert dabei die mechanische mit der Quarztechnologie.

Das Wunderbare: Bei den Spring-Drive-Modellen gleitet der Sekundenzeiger – wie bei den grossen Bahnhofsuhren. Minutenlang möchte ich ihm dabei zusehen, wie er an meinem Handgelenk seine Runden dreht. Bloss bin ich mit dieser Faszination in meinem Umfeld allein. Als ich kürzlich einem Freund meine Seiko zeigte und die einzigartige Funktionsweise erläuterte («Mein Modell SBGA027/9R65-0AG1 kombiniert die mechanische Energiegewinnung mit einem elektronischen Regler: Eine aufgezogene Feder treibt ein Räderwerk an, während ein Quarzoszillator die Geschwindigkeit des Zeigers präzise kontrolliert»), gähnte er, bevor der Sekundenzeiger eine Minute geschafft hatte.

Eine Uhr erzählt auch die Geschichte, wer man ist. Oder vielleicht eher: wer man sein könnte. Ich besitze eine Taucheruhr von Tudor, die Pelagos aus Titan (Referenz M25600TN-0001), mit der könnte ich fünfhundert Meter tief tauchen. Sie verfügt zudem über ein Heliumventil – das ist wichtig beim Sättigungstauchen!

Ich musste nachschlagen, was Sättigungstauchen ist. Kurz gesagt: Es sind Tauchgänge, bei denen sich etwa Meeresbiologen oder Unterwasserarchäologinnen in Druckkammern aufhalten, wo man ein Helium-Sauerstoff-Gemisch atmet. Helium hat kleine Atome, die durch die Dichtungen in die Uhr dringen können. Beim Auftauchen kann deshalb in der Uhr ein Überdruck entstehen – und das Glas rausdrücken. Mit dem Ventil ist man davor gefeit!

Nun ist es nicht so, dass ich vorhabe zu tauchen. Ich kann ja nicht mal schwimmen. Aber eine Uhr durch die Welt zu tragen, die für alle erdenklichen Abenteuer bereit ist: Das ist ein gutes Gefühl. Ein bisschen so wie damals, als man ein kleines Kind war, sich aber als Cowboy fühlte, weil man einen Sheriffstern an der Jacke trug.

*

Zurzeit besitze ich fünf Uhren, denn fünf ist meine Glückszahl. Allerdings kann es sein, dass es dereinst sechs sind. Mir kam eben der Gedanke, einen Teil des Geldes, das ich mit dem Schreiben dieses Textes verdiene, in ein Sparschwein zu stecken. Ich könnte mit dem Rauchen anfangen und gleich wieder aufhören – und das dadurch gesparte Geld zur Seite legen. Und so weiter. Bis das Geld für eine neue Uhr da wäre. Ich weiss: Es werden Wochen, Monate oder Jahre vergehen. Aber das ist kein Problem, denn eins habe ich ja: Zeit.