• November 2020

MASSGEBLICHE KALIBRIERUNG

Wenn man Kinder hat, kommt man nicht umhin, sich an seine eigene Kindheit zu erinnern. Und an die Schulzeit. Erinnere ich mich gerne daran? Grösstenteils. Es gab zwar psychische und physische Grobheiten, Raufereien aus nichtigen Gründen, vor und nach der Schule und manchmal auch zwischendurch, etwa um Pausenbrote (weswegen wir sie bespuckten, denn schon damals ekelte man sich vor fremden Viren und Bakterien). Aber ich ging grundsätzlich gern zur Schule, und dies hatte zu grossen Teilen mit einer bestimmten Person zu tun, mit meiner Unterstufenlehrerin. Sie heisst Margrit Thommen und hat damals massgeblich zu meiner Kalibrierung beigetragen.

Ein Beispiel habe ich unlängst meinem eigenen Kind erzählt, als wir Lego spielten. Zuerst erklärte ich meinem Kind, dass Lego früher ganz anders war. Damals gab es noch nicht auf Blockbuster-Filmen basierende Superpakete mit 8000 Teilen, von denen 7999 Spezialteile sind, die man für nichts anderes verwenden kann. Damals war noch Kreativität gefragt! Das Kind verdreht bei solchen Ausführungen gerne die Augen und sagt pantomimisch: «Spulen bitte.» Aber so war es. Ich baute wahnsinnig gern Legofahrzeuge. Mit Lego konnte ich mir all die Autos bauen, die ich später besitzen würde...dann, wenn ich reich wäre. Am Zeigetag in der Schule brachte ich eine selbst entworfene Lego-Motorradkreation mit, einen Chopper mit langer Vorderradgabel, Sitzbank mit hoher Rückenlehne und charakteristischer Fischschwanzauspuffanlage, so wie in dem Film, den ich nie gesehen hatte: «Easy Rider». Meine Lehrerin fand den Lego-Töff toll. Sie meinte, ich solle doch in Erwägung ziehen, einen Beruf anzustreben, in dem meine Fähigkeiten zum Tragen kämen: Lego-Designer etwa. Ich fragte die einzige Frage, die mich interessierte: «Verdient man da gut?» Das wollte ich: reich werden. Mein Wunschberuf war Bankdirektor.

Meine Lehrerin sah mich mit gütiger Strenge an. Dann las sie mir die Leviten, lieb und sanft und doch so, dass ich mich bis heute daran erinnere.

Sie meinte, es komme nicht bloss darauf an, dass man «gut verdiene». Es sei falsch, einen Lebensweg einzuschlagen, nur weil dieser ökonomischen Wohlstand verspreche. Man solle versuchen ein Leben zu leben, welches einen erfüllt und glücklich zu machen verspricht. Der Magnet Mammon sei trügerisch.

Dies habe ich beherzigt. Ich habe mich dann und wann für die Freiheit und gegen monetäre Eruptionen entschieden. 32 Deshalb fahre ich heute auch keinen Lamborghini, sondern einen Kombi mit 15 Zoll kleinen Winterreifen und besitze kein Einfamilienhaus mit Swimmingpool. Reich bin ich wirklich nicht geworden. Aber einigermassen zufrieden, ja glücklich vielleicht gar.

Ich tue gerne, was ich tue, Tag für Tag, bis hoffentlich zu meiner Pensionierung in dreizehn Jahren – und vielleicht auch noch etwas darüber hinaus. Und das hat mit Margrit Thommen zu tun. Vergangenes Jahr traf ich meine ehemalige Lehrerin am Rande einer Lesung. Sie war so positiv und energiegeladen, wie ich sie in Erinnerung hatte. Eine Frau mit einem Herzen von der Grösse einer 8000-Teile-Schachtel Lego und damals wie heute: eine Inspiration.