LINKS UND RECHTS
100’000 Bücher seien an Lager, steht auf dem Werbebanner des Bücherbrockenhauses. Eines davon hielt ich in den Händen, es heisst «Aufläufe, Soufflés & Gratins – die 100 besten Rezepte aus aller Welt». Ein schweres Werk, prächtig bebildert. Darin gefiel mir ein Gratin besonders: «Kalbsnieren unter der Kartoffelkruste». Mir lief sogleich das Wasser im Mund zusammen; und zwar so circa ein Hektoliter. Den würde ich mit links hinbekommen, dachte ich, wischte mir den Mund und blickte schnell auf mein rechtes Handgelenk, auf die Armbanduhr, denn ich tendiere dazu, in den Tiefen des Bücherbrockenhauses die Zeit zu vergessen. Doch mit Schrecken stellte ich fest: Da war keine Uhr am rechten Handgelenk! «Sie muss mir gestohlen worden sein», murmelte ich. Ein Verlust, der zwei Gefühle in mir auslöste: Enttäuschung einerseits, andererseits auch so etwas wie leise Vorfreude, denn nun hatte ich einen Grund, mir eine neue Armbanduhr zu kaufen. Und zwar eine wie ein Schinkenbrot dicke Uhr, an der man mich sogleich als den erfolgreichen Menschen erkennen konnte, der ich war!
Doch dann fiel mir ein, dass ich die Uhr neuerdings am anderen Handgelenk trug. Wegen Putin. Denn ich hatte gelesen, dass Putin seine Uhr rechts trägt, obwohl er Rechtshänder ist, was doch eher ungewöhnlich ist. Es gibt viele Theorien, weshalb Putin die Uhr rechts trägt. Eine besagt, er wolle Meridiane der linken Körperhälfte schonen, denn als eingefleischter Judoka sei er mit solchen auf der Fukuri-Meditation fussenden Basics vertraut. Auch ich trage seit jeher die Uhr rechts, obwohl ich Rechtshänder bin. Ich weiss nicht weshalb, sicher nicht wegen Fukuri. Aber ich weiss, dass ich nicht wie Putin sein möchte. Deshalb habe ich mir diesbezüglich eine Selbstumerziehung auferlegt. Und die billige Konfirmationsuhr am falschen Handgelenk, welches das richtige werden soll, sagte: Ich war spät dran!
Ich trug die 100 Gratins eilig zur Kasse, entdeckte unterwegs jedoch noch ein Buch, welches von seiner Besitzerin oder seinem Besitzer zur Adoption freigegeben worden war und das nach mir rief. Es heisst «Wilde Behauptung» und stammt von einem Franzosen namens Carrère, von dem ich zufälligerweise gerade ein Buch mit dem Titel «Yoga» lese, in dem es am Rande auch um Yoga geht, aber vor allem um die grosse Reise, die man gemeinhin das Leben nennt. In «Yoga» schreibt Carrère auch, wie er seine Bücher schreibt, seit jeher: am Computer, aber bloss mit einem Finger, genauer mit dem Zeigefinger seiner Rechten. Nach dem guten, alten Adlersuchsystem also. Nicht mal für die Leerschläge benutzt er einen anderen Finger. Er hat das Zehnfingersystem nie gelernt, noch nicht einmal das Fünffingersystem – und würde es auch niemals tun. Aber die Frage ist da natürlich: Was macht er die ganze Zeit mit der ungebrauchten Hand? Ungeduldig mit den Fingern auf die Tischplatte trommeln? Oder trägt er links eine Uhr, auf die er die ganze Zeit mit einem Auge späht, während das andere Auge seinen rechten Zeigefinger über die Tastatur dirigiert und ihn beim richtigen Buchstaben niedersausen lässt? Irgendwie muss das sehr praktisch sein, immer eine Hand frei zu haben. Wenn es einen irgendwo juckt; unter dem Toupet beispielsweise.
Ich bezahlte die 100 Aufläufe und «Wilde Behauptung» von Carrère, nicht ohne eine gewisse Euphorie zu verspüren, von einem geschätzten Autor ein Buch gefunden zu haben, von dessen Existenz ich nie zuvor gehört hatte. Damit würde ich bei meinen Freunden angeben können! Doch die Freude darüber, sie sollte nicht lange währen. (Fortsetzung folgt)