LIEBES SOMMERLOCH
Du bist ja ein Vertreter der grossen und weit verzweigten Familie der Löcher – und den Löchern begegnen die Menschen allgemein eher mit ausweichendem oder gar abgewandtem Blick. Ein Loch verheisst nichts Gutes. Löcher sind nicht beliebt. Zu diesem Eindruck kam ich erneut, als ich einen lieben Freund fragte, welches sein Lieblingsloch sei. Wir sassen bei einem Bier im Schatten, als er meinte, das sei eine schwierige Frage, ganz so, als fragte ich ihn als Kriech- und Schleichtierphobiker, welches seine Lieblingsschlange sei. Löcher seien für ihn negativ konnotiert. Ein Loch in der Strasse, meinte er, da falle man rein und breche sich das Genick (oder wenigstens ein Bein). Wer wolle ein Loch im Kopf? Im Pneu? Im Portemonnaie? Im Zahn? «Ist das Ozonloch erstrebenswert? Und erst die Schwarzen Löcher, die zum Frühstück ganze Galaxien verschlingen?» Was sollte daran gut sein?
Ich widersprach ihm. Denn Löcher sind mit die allerbesten Erfindungen überhaupt. Da sie nichts sind, sind sie so viel. Flugs fügte ich ein paar Beispiele an, die – so fand ich – auch einen eingefleischten Lochskeptiker wie meinen Freund überzeugen müssten. Ich hielt ihm die Bierflasche hin. «Eine Bierflasche ohne Loch im Hals wäre doch beispielsweise eine ziemlich blöde Sache. Durch Löcher kommen gute Dinge!» Zudem, gab ich zu bedenken, wären auch wir Menschen ohne diverse Löcher im Körper echt am Arsch. Man sähe nichts. Man hörte nichts. Nein, nein, ohne Löcher ginge es einfach nicht. Bald kam ich ins Schwärmen, denn: Es gibt so viele wunderbare Löcher. All die in jenen Käselaiben, die sich glücklich schätzen dürfen, dass sie welche haben. Die Löcher in den Sitzschalen meiner neuen Gartenstühle: so rund und wunderbar, sechzig an der Zahl, durch die der Schweiss abfliessen kann. Ich sagte: «Und die Würmer! Die machen nichts anderes, als im Erdreich Löcher zu bohren. Hast du gewusst, dass ein Regenwurm nicht einfach ein Regenwurm ist? Die epigäischen Arten etwa sind dunkel und leben in den oberen Bereichen des Bodens, die tiefer arbeitenden endogäischen Arten sind bleicher, da sie kaum je an die Oberfläche kommen und deshalb keinen UV-Schutz benötigen. Dann gibt es noch die anektischen oder anözischen Exemplare, die ihre Löcher nicht horizontal bohren wie die anderen, sondern streng vertikal.» Mein Freund blickte mich lange an. Er sagte: «Nein, das habe ich nicht gewusst.» Ich sagte: «Im Sommer ein Regenwurm zu sein, das stelle ich mir herrlich vor: in der feuchten, dunklen Erde rumkriechen und sonst nicht viel tun. Ja, ich wäre gern ein Wurm.» Mein Freund senkte seinen Blick in das Loch der Bierflasche und schwieg.
Dann fügte ich hinzu, das allerbeste Loch seist du! «Die Verbindung von Loch und Sommer ist natürlich eine gewaltige Steigerung von zwei an und für sich schon grossartigen Dingen. Besser ist eigentlich bloss noch das Sommerlochtier, welches davon zeugt, dass während jener durch die sommerliche Sonne träg gemachten Phase in den Zeitungen gerne Geschichten über Tiere gebracht werden, die ansonsten nebst Sport und anderem wichtigen Weltgeschehen keinen Platz finden. «Ja, die Journalisten wissen einfach nicht mehr, worüber sie schreiben können, von der Hitze versehrt, vom Klima narkotisiert, deshalb zerren sie herzige Tierstorys aus der Schublade. Denn: Worüber sonst kann man schreiben, wenn nichts passiert auf der ganzen weiten Welt, da sie stillsteht?» Mein Freund meinte: «Über Löcher? Die Journalisten könnten doch über Löcher schreiben, wenn sonst nichts los ist. Das wäre dann nicht das Sommerlochtier, sondern das Sommerlochloch!»
Ich lachte und schüttelte den Kopf. Nein, nein, dachte ich, über Löcher will niemand etwas lesen. Die Leute wollen Tiere, Problembären, Albino-Pythons auf der Flucht und höchstens wieder mal was über das Monster von Loch Ness.
Ja, liebes Sommerloch, das wollte ich dir nur kurz berichten. Und dass ich mich auf dich freue. Komm vorbei. Ich bin parat.
Dein Max
PS Song zum Thema: «Holes» von Mercury Rev vom Album «Deserter’s Songs», 1998.