• Februar 2019

LIEBER TONI HÄNE

Vom FV-Dosto war die Rede. Ich dachte erst, es handle sich um die Verniedlichung eines russischen Schriftstellers oder einen Fussballklub mit Doppeladler im Wappen, aber nein, FV-Dosto steht kurz für etwas Langes, nämlich den neuen «Fernverkehrs-Doppelstockzug». Und der gibt zu reden. Sie, lieber Herr Häne, sind Personenverkehrschef bei den SBB und somit die Nummer zwei im Laden. In dieser Funktion sagten Sie einer Zeitung, angesprochen auf eines der offenbaren Probleme des neuen Zuges: «Ich kenne niemanden, dem schlecht geworden ist.» Denn dies war einer der Punkte auf der langen Liste der Klagen: Den Leuten werde schwindlig, es werde ihnen schlecht – wegen der «Wankkompensation» (kurz Wako), dank der der Zug schneller durch die Kurven kurven kann (im Jargon: «schnelles Bogenfahren»). Aber eben: Sie sagten, Sie kennen niemanden. Herr Häne, darf ich mich vorstellen? Weil: Dann kennen Sie jetzt einen, dem schlecht geworden ist.

Ich fuhr in die Stadt der aggressiven Männer (Basel, wie man seit der TV-Sendung «Club» von letzter Woche weiss) und bestieg deshalb voll gespannter Erwartung den neuen Zug. Mir ist bewusst, dass die Realität oft anders ist, als man sie sich erhofft. Da wünscht man sich etwas, kann es sich auch schon vorstellen; und dann stellt es sich als etwas anderes heraus, wenn man es bekommt. So ging es mir als Kind oft, wenn ich das gewünschte Weihnachtsgeschenk auspackte: die Spielzeugeisenbahn etwa, die nicht wie gewünscht von Märklin war, sondern von Lima.

Ich muss sagen: Die 1. Klasse verströmt einen Charme, der mich an die «Zentralen Ausnüchterungszellen» (ZAS) erinnert (welche ich aber nur von Abbildungen her kenne!). Und: viel zu grelles Licht. Zudem: Die gebogenen Fenster reflektieren so stark, dass man gar nicht das Draussen sieht, sondern das, was auf dem Tischlein vor einem liegt. Ausserdem: Um den Stecker etwa des Laptops in die Steckdose zu bugsieren, muss man entweder Yogalehrer sein oder auf dem Boden rumkriechen. Dann: Die Gepäckablagen über den Köpfen mögen ideal sein für Schachteln mit Kinderpizzen, aber für Reisegepäck?

Als wir losfuhren und ich meine Mängelliste erstellte, ging die Enttäuschung erst richtig los. Der Zug ist mehr ein «Shake» als «Smoothie», er zittert und rüttelt, als wäre er ein gigantischer Vibrator! Am enttäuschtesten jedoch war ich vom Warnton, der erklang, als die Türen sich schlossen: Er klingt wie das billigste Piepsen, das auf dem Markt zu haben war. Dieses Piepsen hat überhaupt keine Autorität!

Apropos Klänge: Die kurz und besser als BBC bekannte öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt des Vereinigten Königreichs hat ihr Klangarchiv öffentlich gemacht. Man kann nun dort online herumstöbern, reinhören und gratis runterladen: Nicht weniger als 16 000 Klänge warten. 65 Sekunden etwa dauert das Geräusch von zwei Zugwagen, die gekoppelt werden («Coupling Trucks» heisst es bei der BBC, ich dachte erst kurz, dies bedeute «Kopulierende Züge»); 47 Sekunden das Geräusch einer vorbeifahrenden Diesellok; 299 Sekunden das Stöhnen und Ächzen einer rangierenden Dampflok. Aber man findet auch vieles abseits der Schiene: das akustische Ambiente in einem AKW; die morgendliche Stimmung im kenianischen Amboseli National Park mit davonfliegenden Möwen; das wuselige Treiben in einem venezianischen Strassencafé; ratternde Nähmaschinen; tosende Wasserfälle; Revolverschüsse; sogar ein Engel im Flug: alles da!

Als wir in Basel einfuhren, war mir ein bisschen schlecht; schwer zu sagen, weshalb genau. War es der Zug? Das unterwegs verspeiste Sandwich? Die Furcht vor der Stadt der aggressiven Männer? Beim Aussteigen sah ich den Kondukteur, der sofort von einem älteren Herrn bestürmt wurde. Der sagte im schönsten Basler Dialekt, so friedlich tönend, als könne er kein Haar krümmen: «Soso, das ist er nun, der Pannenzug!» Der Kondukteur hatte den Satz wohl nicht zum ersten Mal gehört. Er sagte, und es klang in meinen Ohren fast ein wenig stolz: «Ja, das ist er.»

Mit doppelstöckigen Grüssen, Max Küng

PS Song zum Thema: «Irrelevant Sound Effect» von Gesellschaft Zur Emanzipation Des Samples vom Album «More Circulations», 2012. Wenn Ihnen dies zu anstrengend ist (was völlig verständlich wäre): «A Foggy Day» von Charles Mingus vom Album «Pithecanthropus Erectus», 1956.

PPS Die Soundeffekte findet man unter: http:// bbcsfx.acropolis.org.uk