• Februar 2020

LIEBER TENNYS SANDGREN

Es ist nicht normal, dass ich morgens noch vor dem Frühstück den Fernseher anstelle, um Livesport zu schauen. Doch ich hatte so fürchterlich geträumt, dass ich mir von einer Partie Tennis aus Australien Linderung erhoffte. Der Traum? Ach, ich weiss nicht, ob Sie mit den hiesigen Verhältnissen vertraut sind. Sie sind ja aus den USA, aus Tennessee, aber egal: Ich träumte, dass drei Musiker – die auch Juroren eines als Talentshow getarnten Endloswerbespots namens «The Voice of Switzerland» sind –, dass die zusammen ein Lied «performten». Die Namen der Musiker sind Ihnen sicherlich unbekannt, denn ausserhalb unserer engen Grenzen kennt sie niemand: Sie heissen DJ Antonius, Gölä und Trauffer. Ersterer ist so eine Art House-Pantoffel-Liberace und entgegen seinem heiligen Namen der Antiasket, Zweiterer ein Bruce Springsteen mit Donald-Trump-Füllung, Letzterer der selbst ernannte Retter des musikalischen Erbes der Alpen, der mit den Murmeltieren tanzt quasi. Und das Lied? Es hiess «Mon Chéri», aber hey: Mehr möchten Sie nicht wissen, glauben Sie mir!

Ich stellte also an jenem Morgen die Kiste an, Australian Open, live, und da spielten Sie gegen Roger Federer. Ich las Ihren Namen. Der ist natürlich einfach genial für einen Tennisspieler, der gerne auf Sand- und Rasenplätzen spielt: Tennys Sandgren! Meine Güte! Und es ist kein Künstlername, sondern der wahrhaftige, denn so hiess schon Ihr schwedischer Urgrossvater, scheints: Tennys Sandgren!

Ich habe von Tennis keine Ahnung. Sie waren mir als Spieler gänzlich unbekannt. Also machte ich mich etwas schlau, denn man kann gut ein bisschen googeln, wenn ein Tennisspiel läuft, es gibt doch arg viele Ballwechsel in einer solchen Partie. Sie sind 188 Zentimeter gross und 88 Kilo schwer. Weltranglistenplatz zurzeit Nummer 88 oder so. Und Sie sind politisch! Eine Seltenheit für einen Sportler! Oder besser gesagt: Sie waren politisch. Sie teilten auf Twitter munter Botschaften von umstrittenen Figuren, die sich ausserhalb des rechten Spielfeldrandes tummeln. Nicholas J. Fuentes etwa, Grossnationalist und Betreiber des «America First»-Blogs.

Sie, so las ich, sind ein rechts aufschlagender Hard-Hitter! Als diesbezüglich vor zwei Jahren dann erste kritische Fragen auftauchten, löschten Sie flugs all Ihre Beiträge auf Twitter. Auch was Sie geschrieben hatten, nachdem Sie «versehentlich» in eine Schwulenbar getreten waren: «Stumbled into a gay club last night... my eyes are still bleeding.» Sie mussten erkennen: Homophobie und Extremismus kommen in der Sportwelt nicht gut an, wenigstens nicht auf Sponsorenseite. Also sagten Sie, all das Extreme entspreche gar nicht Ihrer Meinung! Gewisse Inhalte seien zwar «interessant», aber: Sie seien einfach ein guter und gläubiger Christ. Das sei alles.

Ihr Glaube half Ihnen nicht an jenem Morgen. Sie schlugen zwar 27 Asse, verloren aber in diesem Fünfsatzkrimi gegen Federer und schieden aus. Und kaum hatten Sie Ihre Rackets in der Sporttasche verstaut, kam mir wieder der musikalische Alpenrocker-Albtraum von letzter Nacht in den Sinn: Gölä und Trauffer und DJ Antonius, die zusammen auf der Bühne zu Playback rumhopsten. Ein Horror! Ein musikalischer Super-GAU! Da explodierten vor Scham die Gehirne in den Köpfen der Murmeltiere in ihrem Winterschlaf in den muffigen Höhlen in den Alpen!

Und noch etwas kam mir in den Sinn.

Vor ein paar Jahren sagte Trauffer der «Jungfrau Zeitung» (der Name bezieht sich auf eine geografische Region in der Schweiz) zur damals aktuellen Castingshow: «‹MusicStar› ist meiner Meinung nach nicht unbedingt nachhaltig, und ich empfinde mehr Bedauern als Bewunderung für die Künstler. Denn irgendwann kommt das böse Erwachen.»

Das böse Erwachen! Ja, irgendwann kommt es. Und das Bedauern auch. Die gehen nämlich gerne Hand in Hand, auch wenn weder das böse Erwachen noch das Bedauern männlich oder weiblich sind, sondern Neutren. Da bluteten Ihnen sicher die Augen, Mister Tennys Sandgren!

New balls, please Max Küng

PS Song zum Thema: «Ich wünschte ich würde mich für Tennis interessieren» von Tocotronic, vom Album «Wir kommen um uns zu beschweren», 1996