• September 2019

LIEBER TAKERU KOBAYASHI

Kürzlich räumte ich meinen Keller. Da stolpert man über manches, was man vergessen hatte, und dies wohl nicht selten mit gutem Grund. Zum Beispiel fand ich eine Kiste mit VHS-Videokassetten. Ich weiss nicht, ob Sie sich daran erinnern, aber so schaute man früher Filme, ab Kassette, die man am Ende zurückspulen musste, bevor man sie wieder in die Videothek zurückbrachte, sonst wurde eine Strafgebühr fällig. Ach, das Geräusch einer zurückspulenden VHS-Kassette: Ich vermisse es.

Nun, ich wühlte in der Schachtel und stiess auf einen Dokumentarfilm aus den 1970er-Jahren, «Das ist Amerika», von einem Regisseur, der heute nicht mal einen Wikipedia-Eintrag besitzt (somit als wirklich ganz und gar vergessen gelten kann). Auf der Hülle steht: «Dieses ist der unglaublichste, schockierendste und skandalöseste Film, der je auf einer Leinwand gezeigt wurde.» Ein reisserischer Dokfilm, welcher die USA in den 1970ern abbildet als Land der Verrücktheiten, eine irre Nation voller religiöser Fanatiker, absurder Unterhaltungsshows und obskurer Praktiken aller Art. Crazy halt! Am selben Tag stolperte ich noch über einen anderen Film, aber nicht in der staubigen Schachtel im Keller, sondern in einem anderen muffigen Loch: dem Internet. Der Film handelt von Ihnen und trägt den Titel «The Good, The Bad, The Hungry» und ist ebenfalls ein Dokumentarstreifen. Da lernte ich Sie und Ihren Beruf kennen. Und ich war, was ich noch immer bin: fasziniert.

Seit hundertdrei Jahren wird anlässlich des amerikanischen Nationalfeiertags am 4. Juli auf Coney Island das internationale Hotdog-Wettessen veranstaltet. Im Jahr 2000 lag der Rekord bei 25 Hotdogs, die der Sieger innert zwölf Minuten verspeiste. Eine umjubelte Leistung. Mehr schien unmöglich. Dann kamen Sie und zertrümmerten den Rekord, indem Sie 50 Hotdogs verdrückten. Ratzfatz. Ratzeputz. Fortan galten Sie als das Mass aller Dinge, unschlagbar.

Sie sind professioneller Wettkampfesser, und nicht der Einzige, der den Beruf ausübt. Es existiert eine eigene Liga von Profi-Essern, die Major League Eating (MLE). Wettkampfessen werden vom Sportsender ESPN übertragen. Das letzte Hotdog-Kampfessen verfolgten 1,36 Millionen Menschen live am TV.

Den Hotdog-Rekord verloren Sie in der Zwischenzeit an Ihren langjährigen Erzfeind Joey Chestnut, aber Sie halten noch ein paar andere Rekorde. Zum Beispiel jenen für Hotdogs ohne Brötchen (110 Stück in zehn Minuten). 93 Hamburger in acht Minuten. 62 Pizzastücke in zwölf Minuten. 9,7 Kilo Soba-Nudeln in zwölf Minuten. 5,4 Kilo Poulet-Satay-Spiesschen (ohne Zeitlimit). 337 gebratene Pouletflügeli in dreissig Minuten. 159 Tacos in zehn Minuten. 13 grillierte Käsesandwiches in einer Minute. Im Rahmen des «Alka-Seltzer US Open of Competitive Eating» schafften Sie knapp sechs Kilo Spaghetti. Der Rekord jedoch, der mich am meisten staunen liess: Bei einem Wettbewerb namens The Glutton Bowl (Fressnapf) schafften Sie im Finale 7,7 Kilo rohes Kuhhirn innert einer Viertelstunde. Das waren 57 einzelne Gehirne. 57 Kuhhirne in fünfzehn Minuten.

An dem Tag, an dem ich die Kiste mit den Videos im Keller fand und den Film über Sie im Internet, da sah ich, was ich jeden Tag sehe, irgendwo, weil man nicht darum herumkommt: ein Foto des derzeitigen US-amerikanischen Präsidenten. Ich musste gleich an die 7,7 Kilo rohes Kuhhirn denken und wie es sich wohl anfühlt, dieses hinunterzuschlucken.

Eine wichtige Technik, eine Kunst, die Sie meisterlich entwickelten (wohl auch dank Ihres zenbuddhistischen Hintergrunds): Während des Essens den Geschmack ausblenden und nicht durch die Nase atmen. Nur kauen und schlucken. Und wenn mal was wieder hochkommt, einfach wieder runterschlucken. Ich denke, diese Technik wäre mannigfaltig anwendbar, nicht bloss bei Wettkampfessen.

Im Keller fand ich sogar einen alten Videorekorder, der zu meinem Erstaunen noch funktionierte, auch wenn er arg ächzte; zudem auch die nötigen Stecker und Kabel, um den Rekorder mit dem Fernseher zu verbinden. Ich schaute mir «Das ist Amerika» an und dachte: Ein ziemlich verrücktes Land war dieses Amerika, so crazy und durchgeknallt, damals, 1977.

Mit satten Grüssen Max Küng

PS Song zum Thema: «Eat It» von «Weird Al» Yankovic, 1984.