• Februar 2019

LIEBER STRICHPUNKT

Auch Semikolon genannt. Dir wollte ich schon lange schreiben, vergass es aber immer wieder – bis ich nun über dich stolperte, auf der ersten Seite des neuen Romans von Michel Houellebecq. Der Autor mag ein Misanthrop sein, dich aber, den Strichpunkt, scheint er zu mögen. Auch auf der zweiten Seite traf ich dich. Eine Kollegin meinte übrigens, als ich mit dem Roman unter dem Arm daherkam, wie könne ich nur so einen «Schmarrn» kaufen – und womöglich auch noch lesen?! Ich bin zwar erst auf Seite 198 angelangt (von 335 in toto), kann aber jetzt schon sagen: «Serotonin» ist kein Schmarrn, sondern ein sehr gutes Buch: Eklig, bitter, lustig (manchmal) und kritisch klug – und vor allem ist es traurig. Tieftraurig und dunkel wie der Blick in einen versiegten Brunnen. Man findet aber auch Schönheit und Zärtlichkeit in dem Buch (wenn auch bloss in Episoden der Vergangenheit, an die sich der Protagonist erinnert, leidvoll, sehnsüchtig). So weit, so gut, lieber Strichpunkt, aber ich stiess doch auf Ungereimtheiten. Ich bin kein Lehrertyp, dennoch: Es schlichen sich Fehler ein. Zum Beispiel ist der Titel eines erwähnten Pink-Floyd-Albums (mit der Kuh drauf) falsch, jedoch weiss man nicht, ob der Autor den Icherzähler absichtlich diesen Fehler hat machen lassen (um Pink-Floyd-Fans zu ärgern, was ich gut verstehen könnte). Hingegen musste ich doch mit dem Kopf schütteln, als der Icherzähler einen alten Freund namens Aymeric besuchte, einen Bauern mit einem Hof mit dreihundert Kühen – der sich gegen eine Melkmaschine entschieden hatte, die Tiere also von Hand molk. Der Icherzähler fand den Bauern Aymeric morgens um neun «über einem üppigen Frühstück aus Spiegelei, gebratener Blutwurst und Speck sitzend, zu dem er erst Kaffee, dann Calvados trank». Nun weiss ich als Bauernbub: Das Melken von Kühen von Hand ist zeitaufwendig. Deshalb meine Frage (sie klingt wie eine Aufgabe an dieser absonderlichen, grausamen, unnötigen, skandalösen Zentralen Aufnahmeprüfung für die Zürcher Gymnasien, die bald wieder ansteht und die Kinder samt Eltern in einen schrecklichen Strudel des Unglücks hinabsaugt): Ein geübter Melker schafft in einer Stunde sechs Kühe, Bauer Aymeric hat dreihundert Kühe, er sitzt nach getaner Arbeit um neun über dem Frühstück – wann also begann Aymeric mit dem Melken?

Aber zurück zu dir, lieber Strichpunkt. Du bist – dies kann man wohl behaupten – das vernachlässigtste Satzzeichen, welches unsere Sprache kennt. In meiner Primarschulzeit etwa kursiertest du vor allem als Pointe eines Witzes, den mein Vater gerne erzählte, wenn er nach dem Melken der sieben Kühe (mit der Maschine) über seinem Frühstück sass (Kurzversion: Der Lehrer fordert Hansli auf, einen Satz mit einem Punkt zu bilden. Hansli: «Meine grosse Schwester ist schön – Punkt.» – «Gut», sagt der Lehrer, «jetzt mit einem Strichpunkt.» Hansli: «Meine Schwester ist schön, deshalb geht sie auf den Strich – Punkt.») Das ist unfair, denn du besitzt wunderbare Eigenschaften, die für die geschriebene Sprache von grossem Reiz sind.

Der Punkt macht alles klar. Noch mehr sein sich aufspielender Verwandte: das Ausrufezeichen! Das Fragezeichen bringt gerne Spannung in die Sache. Der Doppelpunkt darf vor grossen Reden stehen. Dich aber scheint man kaum zu gebrauchen, abgesehen von deiner trennenden Funktion in öden Aufzählungen. Du bist in Vergessenheit geraten, gehörst auf die Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Dabei bist du so was von nötig! Denn manchmal ist ein Komma einfach zu schwach. Und ein Punkt ist zu hart. Da bist du die ideale Besetzung, um zwischen zwei Sätzen zu vermitteln. Deshalb verwende ich dich gerne. Und oft! Eigentlich kommst du in jedem Text vor, den ich schreibe, vielleicht sogar etwas zu häufig, kann sein, vielleicht bin ich da auf einem «Make-Semicolon-Great-Again-Trip» – aber ich hab halt einfach eine Schwäche für dich. Ich bin dein Fürsprecher, für immer, versprochen! Auf dass du – der grosse, grossartige und unvergleichliche Strichpunkt – nicht vergessen gehst!

Danke, dass es dich gibt. Und bleib so, wie du bist. Max

PS Song zum Thema: «Semicolon» von The Lonely Island von «The Wack Album», 2013. Wem dies zu lustig ist, dem sei die indonesische Band Seahoarse mit ihrem feinen «Semicolon» empfohlen (Album «Magical Objects», 2017).