• März 2020

LIEBER STAUBSAUGER

Du magst dich fragen, wie ich dazu komme, dir einen Brief zu schreiben. Nun, das ist in der Tat eine gute Frage, die auch ich mir stellte, denn ich hatte bis anhin nie die Absicht oder das Bedürfnis, meinem Staubsauger Post zu schicken. Aber als ich meinen Sohn fragte, wem ich seiner Ansicht nach mal einen Brief senden sollte, da meinte er lapidar: «Dem Staubsauger.» – «Wieso dem Staubsauger?» – «Wieso nicht?!»

Es gäbe andere Briefe, die ich schreiben müsste. Etwa den Dankesbrief an den Heimlieferdienst eines Detailhändlers. Ich hatte nämlich Geburtstag, und anlässlich dieses zwischen Frag- und Feierwürdigkeit pendelnden Tages erhielt ich ein Geschenk: 10 Prozent auf die nächste Lieferung über 200 Franken Warenwert (gültig 30 Tage, mein persönlicher Code lautete HBDY19-619D1F). Ich war gerührt wie eine frisch zubereitete Zabaglione, als ich im Morgendunkelgrauen und noch im Bett liegend mit Maulwurfsaugen diese Mail las. Das erste Geschenk des Tages! Wie wunderbar! Es sollte dann eines von insgesamt fünf Präsenten sein, welche ich bis Tagesschluss erhielt. Fünf Geschenke! Eine magere Ausbeute. Sowieso mag ich die Fünf nicht. Ich hege gar eine Abneigung gegen sie, obwohl «fünf» sich zu einem exklusiven Zirkel zählen darf. Es ist nämlich eines der superraren Wörter der deutschen Sprache, welche auf «nf» enden. Wie viele es im Ganzen gibt? Rate mal. Fünf natürlich! Nebst fünf sind es Hanf und Senf sowie Genf und Sernf (ein rechter Nebenfluss der Linth). Fünf!

So war es dann für mich auch kein Zufall, dass es nicht vier oder sechs, sondern fünf Songs waren, die ich aussuchen durfte, damit sie in der Radiosendung «Musik für einen Gast» auf DRS-2 gespielt würden. Eine legendäre Sendung, zu der ich – welche Ehre! – eingeladen wurde, um dann dort über diese fünf Songs und die daran hängenden und sie umgebenden Fäden des Lebens zu berichten. Nun stellte es sich bald einmal als gar nicht so einfach heraus, aus seinem Leben fünf Songs herauszupicken, sich auf eine solch niedrige Anzahl zu beschränken. Eine diffizile Aufgabe. Zudem schickte sie mich auf eine veritable Zeitreise, und ich fragte mich: Welcher Song stand eigentlich am Anfang? Welches war mein «Lied 0»? Mir kam in den Sinn, wie ich in das Zimmer meines grossen Bruders schlich, der schon eine Stereoanlage besass (sowie eine Lichtorgel, Schwarzlichtposter und eine der ersten Videospielkonsolen) und das erste Mal in meinem Leben eine Platte von Kraftwerk hörte – bis dahin war ich ein riesiger Fan von Rondo Veneziano gewesen –, die mich als Elfjährigen verstörte, aber auch faszinierte. In jenem Moment wurde ich wohl soundmässig kalibriert. Und die Musik wurde für mich zu einer Verbündeten, die sie auch heute noch immer ist, zur besten Freundin, mit all ihren Fähigkeiten, so wie ich ihr guter Freund wurde, der immer ein offenes Ohr für sie hatte und noch immer habe. Ja, die Musik und ich, wir haben schon so einiges zusammen durchgemacht, süss klirrende Höhen wie auch dunkel basslastige Tiefen durchlebt. Immer waren wir füreinander da.

Doch fragte ich mich, was wohl mit all den Songs sei, denen ich im Laufe meines Lebens meine ewig währende Treue und Liebe geschworen hatte. Und nun würden sie über die Klinge springen müssen, weil ich mich auf fünf zu beschränken hatte. Die im Stich gelassenen Songs hören dann im Radio, wie die anderen gespielt werden. Werden diese von mir schnöde ignorierten Lieder (etwa «Razzmatazz» von Pulp oder «Film 2» von Grauzone oder «The Passenger» von Iggy Pop) mir irgendwo als Gang auflauern in einer dunklen Gasse und mich dann vermöbeln?

Aber zurück zu dir, lieber Staubsauger, der du die meiste Zeit in einen dunklen Schrank gesperrt bist, mit verknotetem Rüssel und eingezogenem Steckerschwanz, aufrecht wie ein wackerer Soldat in Habachtstellung. Ein Maschine gewordener Ameisenbär bist du, immer fleissig, immer volle Pulle. Ich möchte dir einfach mal danken, weil: Sonst tut das ja niemand. Und ich weiss, wie sich das anfühlt! Aber eine Frage habe ich noch: Wenn du fünf Songs auswählen müsstest, die fünf Songs deines Lebens, welche wären es?

Mit lieben Grüssen Max

PS Ein Song wohl ganz nach deinem Gusto: «Dust» von Parquet Courts vom Album «Human Performance», 2016.