• Februar 2020

LIEBER SCHNEE

... oder wie man dich auch rufen mag, Pulver oder Sulz oder Pflotsch, ich grüsse dich von einem deiner entfernten Verwandten, vom Meer. Genauer vom Mittelmeer. Ligurische Küste. Nähe Genua. Denn dieses Jahr haben wir uns entschieden, in den Sportferien anstatt in die Höhe in die Tiefe zu fahren. An den Strand.

Es tut mir leid, dass ich dir den Rücken gekehrt habe, lieber Schnee, aber ich hatte dich und deine nervige Freundin Winterkälte einfach satt. Du kannst nix dafür, nimms nicht persönlich, ich hatte bloss Sehnsucht nach würziger Algen-statt fader Alpenluft, nach ein bisschen Weite, ein wenig Horizont, denn das alte Versprechen der freien Sicht auf das Mittelmeer, es wurde ja leider niemals eingelöst.

Das letzte Mal, dass ich das Meer gesehen habe, war vor anderthalb Jahren wohl. In der Hochsaison buchten wir damals ein Hotel für zehn Tage. Wir kannten es vom Herbst her. Einfach. Gemütlich. Günstig im Preis und ebenso gelegen, direkt am Strand. Aber schon nach wenigen Stunden war klar, dass wir das im Kopf nicht aushielten. Alassio im August! Zu laut, zu heiss, zu eng! Als wir dem Hotelier am zweiten Tag zu erklären versuchten, dass wir wieder abreisen würden, um uns in den milden Norden zurückzuziehen, wo nicht morgens um zwei noch affenlaut «Wake Me Up Before You Go-Go» durch die Gasse dröhnt, da meinte der, wir müssten gar nichts erklären. Es sei kein Problem, er verstehe uns – am liebsten würde er auch abreisen. Ja, er würde gerne mitkommen. Ob nicht vielleicht noch ein Platz im Auto frei sei?

An diesem Ort jetzt und hier – er heisst Camogli – ist um diese Jahreszeit nicht viel los. Gestern sah ich einen Fischer auf einem Felsen stehen. Der Fischer tat nicht viel mehr als der Stein unter seinen Füssen. Auf der Strandpromenade sind bloss stolzierende Möwen unterwegs. Die Spielzeugsoldaten des noch geöffneten Souvenirladens hängen schon so lange in der Sonne, dass sie aussehen, als hätten sie in einem schrecklichen Krieg gekämpft, die Deutschlandflagge ist ganz ausgebleicht.

Aber das Hotel hat das ganze Jahr über auf, wie das Meer das ganze Jahr über da ist. Und das Meer tut, was es tut; Welle um Welle bricht herein, zieht sich wieder zurück. Ich habe gezählt: Es sind zehn Wellen pro Minute. Das entspricht in etwa dem Ruhepuls eines richtig gut gedopten Rennveloprofis. Und die Sonne scheint. Das Thermometer zeigt 18 Grad. Aber von mir aus könnte es auch regnen. Denn der Blick aufs Meer ist einer, der sich immer lohnt, auch für die Ohren.

Die Wellen klingen immer gleich, aber immer auch anders. Sie rollen. Sie rumoren. Sie dröhnen. Sechs Meter hoch seien sie auf offener See gewesen, nachts, sagte der Kellner, der beim Frühstück den Kaffee eingoss. Wenn die Wellen den schwarzen Kies vom Strand rauben, hört man das Mahlen der sich reibenden Steine. Mir gefällt diese Musik. Sie klingt definitiv anders als vieles, was man derzeit vernimmt, wo du liegst, etwa von Ingo ohne Flamingo den Après-Ski-Klassiker «Saufen, morgens, mittags, abends» (der auch in einer zielkundenorientierten holländischen Version existiert: «Zuipen, s’morgens, s’middags, s’avonds»).

Wie gesagt: Das Meer ist immer da – aber die Menschen sind es nicht. Wenn man da mal dahintergekommen ist, dass man nicht immer dort zu sein hat, wo die anderen gerade auch sind, eröffnet dies neue Möglichkeiten der Seelenfriedensfindung. Du, lieber Schnee, bist ein Saisonnier. Alle warten auf dich. Und wenn du mal fällst, aus dem Himmel hernieder – oder künstlich erzeugt aus der Maschine geschossen kommst, kalt und weiss -, dann strömen die Menschen in Scharen herbei. Bis du dann wieder schmilzt. Im Frühling. Flocke um Flocke. Und das Schmelzwasser abfliesst. Als Rinnsal. In den Bergbach. In den kleinen Fluss. In den grossen Fluss. In den Strom. Und du irgendwann vielleicht ziemlich genau hier in der Nähe ins Meer fliesst, das dich als Verwandten in einer grossen Umarmung in die Familie aufnimmt, du zu einer dieser Wellen wirst, die schäumend wie wiedergeborener Schnee über den schwarzen Strand kommen, um alsbald wieder zu verschwinden. So sehen (und hören) wir uns also spätestens in einem Jahr, lieber Schnee; dann, wenn du nicht weniger als Meer sein wirst.

Bis dann Max

PS Song zum Thema: «Love in Portofino» von Fred Buscaglione, 1959.