LIEBER PSYCHOLOGE AUS DEM KANTON ZUG *
In einer Zeitung * gaben Sie Ratschläge, wie in diesen Zeiten der Coronakrise der häusliche Koller zu vermeiden sei. Denn selbstverständlich sind das Zuhausebleiben und das dortige von äusseren Ablenkungen weitgehend zwangsbefreite Zusammenleben für uns alle eine mächtige Herausforderung; oder wie Sie in jenem Artikel dunkel prophezeiten: «Familiäre Konflikte und häusliche Gewalt – auch gegen Kinder – sind damit programmiert.» Doch nicht nur für Familien ist das wochenlange Eingesperrtsein im trauten Heim eine Belastungsprobe (wo könnte man die Fernsehfernbedienung noch verstecken, damit die Kinder sie nicht finden?). Auch die klassische – und im Vergleich zum Familienmodell doch so ungezwungene und pflichtenbefreite – Zweierkiste steht unter Druck. Das Trennungs- und Scheidungsrisiko könnte ansteigen. «Doch das muss es nicht», frohlocken Sie, denn die Krise könne auch eine Chance sein, um seinem Partner noch näherzukommen. Ich persönlich sehe es ja eher andersrum, dass nämlich eine jede Chance auch eine Krise sein kann; aber ich habe ja nicht studiert und bin kein Seelenmechatroniker, sondern bloss ein am eigenen Leib erfahrender Laie.
Sie ratschlagen fachmännisch, man solle «Rituale planen», zum Beispiel «in Form von Lese- oder Kuschelabenden», zudem «regelmässig» über «wichtige Themen» sprechen, Themen, die man vielleicht zuvor noch gar nicht oder nur oberflächlich besprochen hat. Zu den nötigen Unterhaltsarbeiten einer jeden Beziehung gehören Unterhaltungen!
Was für eine formidable Idee, die ich sogleich beherzigte. Also habe ich über «wichtige Themen» nachgedacht. Und da ich mir Dinge nicht gut merken kann und deshalb in spontanen 1:1-Gesprächen oft unterlegen bin, nägelkauend und schweigend meine Füsse betrachte, anstatt dem Gegenüber Ideen und Argumente ans Haupt zu schmettern, habe ich einen Spickzettel erstellt, ein paar Dinge notiert, die ich vor, während oder nach dem programmierten Kuschelabend mit meiner Gattin besprechen kann.
Auf dem Zettel steht: «Hast du gewusst, dass heute vor 182 Jahren Paul Émile Lecoq de Boisbaudran geboren wurde, der später mit seinem Mitstreiter Émile Jungfleisch Gallium entdeckte? Und nein, Gallium ist keine pazifische Insel oder ein noch ferneres Land mit besonders galligen Ureinwohnern, sondern ein seltenes chemisches Element, genauer: ein silberweisses, leicht zu verflüssigendes Metall, welches nicht wie andere Metalle kristallisiert, sondern in einer orthorhombischen Struktur mit Gallium-Dimeren. Es besitzt ein ausserordentliches Reflexionsvermögen; deshalb setzt man es zur Beschichtung von Spiegeln ein. Ja, genau! Spiegel! Das sind diese Dinger, die im Bad hängen und in die man nicht mehr hineinblicken mag seit dem Lockdown, weil wir nicht mehr zum Coiffeur dürfen. Ich denke, die Spiegel werden – mittelfristig – mit zu den Verlierern der Coronakrise gehören. Nun, dieser Paul Émile Lecoq de Boisbaudran wurde – wie übrigens auch der berühmte Stepptänzer François Sagat – im Städtchen Cognac (aktuell 18 825 Einwohner) als Sohn eines Weinhändlers geboren, was mich nach der zweitwichtigsten ** unweigerlich zur wichtigsten Frage des Tages bringt: Hast du meine Flasche Hennessy geleert?»
Diese Rede also ist vorbereitet, damit sollte ein Kuschelabend zu bestreiten sein, obwohl das Finale selbstverständlich Fingerspitzengefühl verlangt, im doppelten Sinn des Wortes. Denn auch dazu raten Sie, wissend um den Fallenreichtum der partnerschaftlichen Konversation: Damit die Beziehung auch nach der Krise noch ihren galliumdünnen Zuckergussüberzug behält, soll man keine Konflikte provozieren. Sie mahnen: «Kritik am besten per Ich-Botschaften anbringen anstatt: ‹Du bist wieder mal so doof.›» Das würde heissen, ich müsste diese aus meiner Sicht eventuell korrekte Aussage korrekterweise so formulieren: «Ich finde, du bist wieder mal so doof!» Das wäre dann richtig, oder? Dann hält der Gummibund der Ehe!?
Gut! Das ist doch schon mal ein Anfang, damit es am Ende kein böses Ende nimmt.
Mit Dank und besten Grüssen Max Küng
* Name der Redaktion bekannt.
** «Wer hat wo die verdammte Fernsehfernbedienung versteckt?»
PS Song zum Thema: «I’ll Be Your Mirror» von The Velvet Underground & Nico, aufgenommen im April im Jahr 1966.