• Mai 2020

LIEBER PAKETPÖSTLER

Wir kannten uns ja kaum; aber nun, da das Unglück beginnt, wenn man sein Haus verlässt – man der Rettung der Dinge wegen besser drinnenbleibt –, sind Sie ein regelmässiger Gast an meiner Türschwelle geworden.

Das ist eine der Schönheiten dieser Zeit: dass man Sie nicht mehr verpasst. Denn wie oft stand ich in der fernen Zeit vor dem Lockdown (idfZvdL) am Morgen freudig auf, da ich wusste, dass ein Paket zu mir unterwegs war, es angekündigt worden war, ich dank der intelligenten Internet-Sendungsverfolgung gesehen hatte, welche Etappen es nahm, wie es durch die Welt reiste, von Verteilstation zu Verteilstation, und wie lange es am Zoll in Basel hängen blieb – ein stilles Spektakel, aber spannender als so manches Super-League-Fussballspiel (erinnert sich jemand daran?). Also ging ich dann jeweils nicht ins Büro, sondern blieb daheim, um auf das Paket zu warten, betrieb idfZvdL das, was nun Alltag ist: Homeoffice. Bei jedem Wagen, der heranfuhr, juckte ich hoch, rannte ans Fenster, teilte die Vorhänge. Aber nein, es waren dann nicht Sie mit Ihrem gelben Bus, es war bloss die Müllabfuhr oder der Eier-Express, der das Restaurant nebenan belieferte.

So verging ein Vormittag idfZvdL, an dem ich mich kaum auf die Arbeit konzentrieren konnte. Die Spannung stieg und stieg, denn ich wusste: Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie kämen, sie wurde grösser, mit jeder Minute, die verging. Andererseits aber hatte ich meiner Frau versprochen, in der Drogerie Ameisenfallen zu besorgen. Der Weg in die Drogerie ist nicht weit. Also wagte ich es … sauste los, kam alsbald mit den grässlichen Ameisenfallen zurück … und was lugte aus dem hungrigen Schlitz des Briefkastens, fröhlich im Wind flatternd, als winkte es mir? Der Zipfel einer Abholungseinladung! Weil Sie geklingelt hatten, während niemand daheim war. So war es doch immer idfZvdL!

Aber nun ist stets jemand zu Hause. Und vor allem kommen Sie beinahe täglich. Sie sind zu einem Teil der Familie geworden, zu so etwas wie dem lieben Onkel. Kein anderes Gesicht von ausserhalb sehe ich mit Abstand so oft wie das Ihrige. Wie gross ist jeweils die Freude, wenn Sie mit Ihrem gelben Bus auf das Trottoir fahren, den Motor abstellen, wenn ich die herrliche Musik der aufschwingenden Schiebetüre vernehme, hinter der sich all Ihre Schätze verbergen; dann ein paar Sekunden der Ruhe, ein dumpfes Rumpeln des Wühlens und Kramens, dann das erlösende Klingeln der Türglocke, das freudige Summen des Türöffners (das innert einem Bruchteil einer Sekunde nach dem Klingeln ertönt, da ich schon an der Türe stehe, den Finger auf dem Knopf), und dann Sie zu sehen, mit dem Paket in den Händen (oder noch besser: den Paketen!).

Der Rest ist dann Routine: zum Abschied noch ein freundliches «Bis morgen!». Das Zufallen der Haustüre; dann wird über die Beute hergefallen. Doch schon beim Öffnen der Pakete weiss ich, dass alles, was noch käme, niemals so gut sein würde wie das, was bis dahin gewesen war, denn: Sich etwas zu wünschen, ist das eine. Sich den Wunsch zu erfüllen, das andere. Nochmals etwas gänzlich anderes aber ist es, sich mit dem erfüllten Wunsch konfrontiert zu sehen. Denn leider ist die Wirklichkeit oft anders als die Vorstellung davon.

Nun, es ist ja zum Glück nicht immer der Heilige Gral, den man sich ins Haus bestellt, Tag für Tag – es sind bloss Staubsaugerbeutel, ein Servierbrett mit rutschfester Oberfläche für den heimischen Kellner (der auch gut im für die gallige Grantigkeit seiner Ober bekannten Café Bräunerhof in Wien arbeiten könnte), Knopfbatterien für die Personenwaage, Ameisenfallen. Am liebsten würde ich die Pakete gar nicht öffnen, damit ich nicht sähe, was wirklich darin ist – die Freude der Imagination bliebe. Einfach retournieren und nochmals bestellen, des reinen, schönen Gefühls wegen, auf etwas zu warten, das unterwegs zu einem ist.

Nun, für all die Pakete, die kamen, und vor allem für die, die noch kommen werden, egal wie gross und schwer, eckig oder rund, piepegal auch, was drin sein wird: Danke! Und eben: Bis morgen!

Max Küng

PS Song zur Kolumne: «Ring My Bell» von Anita Ward aus dem Jahr 1979 … Da ich aber Discomusik nicht wirklich gut ertrage, vor allem zur Heuschnupfenzeit, kann es auch die Version der Saïan Supa Crew (1999) sein – oder jene von Max Greger (1979).