• Mai 2019

LIEBER MOSES

Ich glaube nicht, dass ich je zuvor einem Hund einen Brief geschrieben habe. Einer Katze schon, einem Auto, einem Satzzeichen, einem Hund aber nicht. Du bist der beste Freund von Greta Thunberg, der Familienhund der Thunbergs genauer gesagt, ein Golden Retriever, bekannt für sein Herz, das fast so gross ist wie sein Appetit; aber ich muss gleich sagen: Von Hunden weiss ich fast so wenig wie von deinem Namensvetter, dem Propheten.

Höre ich «Moses», so denke ich: «Grüne Landpflanze im Genitiv Singular, eventuell auch umgangssprachlich für Geld.» Ich weiss, dass es in Bern auf dem Münsterplatz den Mosesbrunnen gibt. Das wäre sicherlich ein Spass: einmal im Sommer im Mosesbrunnen zu baden! Ihr Hunde habt es eh gut, oder? Ich wär ja auch gerne ein Hund. Okay, manchmal musst auch du zum Coiffeur und dich einseifen lassen, aber meistens wird man ja einfach nur geliebt und gestreichelt, gefüttert und geknuddelt. Was für ein Leben! So ganz anders als jenes von uns Menschen. Für mich wirft niemand ein Stöckchen – und komm ich mit einem Stecken im Maul aus dem Dickicht im Wald, bekomm ich kein Leckerli, sondern alle verdrehen bloss die Augen.

Dann wiederum stand ich auf dem Markt und sah Erbsen, dachte: Ein Hund kann keine Erbsen palen. Weil ein Hund keine Hände hat. Ja, so heisst das: palen. Habe ich im Internet nachschlagen müssen: «Ausdruck für das Auslösen von Erbsen aus der Hülse (Pale)». Das Palen aber ist das, was ich im Frühling nicht missen möchte, es ist etwas vom Schönsten, was zwei Hände zu tun imstande sind. Erbsen zu palen macht glücklich, lässt mich selig grinsen, es ist ein bisschen wie manuelles MDMA.

Aber deshalb schreibe ich dir nicht, sondern: Ein Freund sendete mir via Whatsapp den Screenshot eines Leserinnenkommentars zu einem Artikel über deine Greta. Eine Marlisa Schmid hatte geschrieben: «Offenbar ist die ganze Familie – ausser dem Hund – mehr oder weniger krank.» Mein Freund (ein fanatischer Labradorbesitzer) fragte, was ich von der Sache halte, ob Greta mich denn nicht auch nerve. Ich schrieb ihm: «Natürlich nervt Greta. Aber noch mehr erfreut sie mich, denn weitaus mehr als mich nervt sie die, die mich viel mehr nerven, als sie es tut.»

Und als ich mir also Gedanken über dich und Greta machte, da geschah etwas Beunruhigendes. Denn kaum hatte ich mir diese Gedanken gemacht, ackerte ich mich durch Instagram. Und was sah ich dort? Eine Werbung für Hundefutter von «Pedigree»! In meinem Instagram-Feed! Niemals zuvor habe ich Werbung für Hundefutter erhalten. Ich erhalte dauernd Instagram-Werbung. Seltsame Werbung. Für eine Vernissage zu einer Rolf-Knie-Ausstellung. Für ein natürliches Mittel gegen Zehennagelpilz. Werbung von einem FDP-Nationalrat namens Hans-Ulrich Bigler, die so grottenschlecht gemacht ist, dass er mir sofort ans Herz wuchs (Helfersyndrom).

Bis anhin dachte ich: Die Werbung, die man bekommt, sie ist wie ein ungenaues Porträt seiner selbst, voller Zufälligkeiten und Falschheiten, wie eine Karikatur eines alkoholisierten Strassenkünstlers in Paris, ein verzerrtes Echo all der Dinge, die man im Netz gegoogelt hat.

Dann die Werbung für Hundefutter – zudem auch noch mit diesem Slogan: «Auch Hunde haben Hände!» Erst dachte ich: Echt? Dann können sie ja Erbsen palen! Dann jedoch dachte ich düster: Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber sind die bei Google schon so weit, dass sie unsere Gedanken lesen können? Immer wenn ich am Zürcher Sitz von Google vorbeispaziere, versuche ich mir vorzustellen, was die Tausende von Menschen dort drin eigentlich tun. Und so langsam kann ich es erahnen: Sie suchen den Weg in unser Gehirn. Anscheinend haben sie ihn gefunden. Noch ein Beispiel? Kaum dachte ich darüber nach, über dich und Greta zu schreiben, da tauchte auf Instagram Werbung auf für einen Film. Wie er heisst? «Greta», ein Thriller mit Isabelle Huppert. Zufall? Gibt es nicht. Deshalb: Obacht, Moses! Obacht!

Die Pfote erhoben zum Gruss, von einem, der so heisst wie lecker Hundefutter in der Migros: Max!

PS Song zum Thema: «If I Had a Dog» von Frankie Cosmos vom Album «Next Thing», 2016. Natürlich ist Frankie Cosmos bloss ein Künstlername. Bürgerlich heisst Frankie Greta, Greta Kline. Auch ganz gross!