LIEBER MATHIAS PLÜSS
Ich muss Sie nicht siezen, weil: Sie sind ja ein Kollege von mir, also: Du bist ein Kollege, und ein hochgeschätzter gar, ich lese deine Artikel immer mit Genuss und mit Gewinn und – so muss ich gestehen – nicht ohne Neid; denn auch andere Menschen lesen deine Artikel, sprechen mich darauf an, sagen: «DAS war jetzt mal ein gescheiter, kluger Artikel! So was könntest du auch mal schreiben.» Im «Magazin» von vor zwei Wochen gabst du einen Katalog mit 75 Ideen, wie man als einfacher Erdenmensch mithelfen kann, den Klimawandel zu stoppen. Einerseits eine grandiose Idee, andererseits hervorragend geschrieben, mit Witz und Esprit, und dazu auch noch wunderbar bebildert. Gratulation! Ich las das ganze Heft in einem Zug (von Zürich nach Basel) in einem Zug (bloss einmal blickte ich auf, als der Kondukteur mich schüttelte) und – so muss ich gestehen – nicht frei von Scheelsucht und Abgunst (zwei alte Wörter für Neid; ich denke, alte Wörter zu rezyklieren, sie aus der Text-Aid-Sammlung zu holen, ist auch gut für die Umwelt).
Das Tolle an dem Klima-«Magazin» ist auch, dass man damit eine Art Schlüssel erhält, um sich selbst zu vermessen, zu sehen, wie man hineinpasst, wie gross der eigene Anteil ist an diesem laufenden Verbrechen, welches wir der Erde antun. Laut wie ein Lipizzanerhengst schnaubte ich vor Erleichterung, als ich den Abschnitt über Pferde las, denn ich besitze keines, weder ein Dressur-noch ein Rennross. So ein Gaul ist ja scheints per annum so schlimm wie eine 23 000-Kilometer-Autofahrt, beispielsweise von Basel nach Wladiwostok retour – noch schlimmer, wenn man mit dem Gaul im Anhänger hinten am BMW X6 an ein Reitturnier in Wladiwostok fährt! Auch dass ich höchstens zweimal wöchentlich dusche: gut für die Umwelt (wenigstens die weitere)! Dass ich nur noch Schweizer Weine trinke: gut! Je länger ich das Heft las, desto mehr beschlich mich das wohlige Gefühl, dass ich nicht alles, aber doch so manches richtig mache. Und war es bis anhin irgendwie eher uncool und bieder, die Ferien immer nur in den hiesigen Bergen zu verbringen (während andere nach Florida düsten und mit coolen Fotos von Disney World zurückkamen), so weiss man nun, dass man etwas Edles tut, wenn man nicht zu weit geht.
Es ist nicht einfach, ein guter Mensch zu sein. Ich kenne zum Beispiel einen, der ging an eine dieser Demonstrationen gegen die Rodung des Hambacher Forsts, in Deutschland oben. Zweifellos die gute Tat eines guten Menschen! Aber er musste das Flugzeug nehmen, sonst hätte er es zeitlich nicht geschafft.
Eine jede und ein jeder ist schuldig, denn der Sündenfall beginnt mit jeder Geburt. Auch ich könnte noch viel mehr tun, ich weiss. Jetzt zum Beispiel holen viele die Wegwerfrasierer aus dem Schrank und roden den Haarwald auf den Waden – es beginnt die Rennvelosaison. Das Rennvelofahren ist meine grösste Klimasünde. Dafür entschuldige ich mich auch immer und überall. Man meint ja immer, das Rennvelofahren sei eine gute Sache, aber das stimmt nicht! Kennst du die Untersuchung von Karl T. Ulrich, einem Professor an der Wharton Business School der University of Pennsylvania? Sie trägt den schönen Titel «The Environmental Paradox of Bicycling». Kurz zusammengefasst: Wer in seiner Freizeit Velo fährt, der lebt gesünder – und also auch länger. Ulrich schreibt, ein Veloaktiver lebe 10,6 Tage länger pro sportlichem Jahr. Die Folgen liegen auf der Hand: Wer länger lebt, belastet in dieser Zeit die Umwelt. Für die Umwelt ist also nichts so gut wie ein früher Tod durch ein möglichst ungesundes Leben. Brutal, aber wahr.
Ich fahre also bald wieder mit vor schlechtem Gewissen verzerrtem Gesicht über die Berge, durch die Täler, um die Seen, und überholt mich ein Autofahrer, dann denke ich: «Hupe nur, du Trottel, ich weiss ja auch: Wäre ich du, dann wär das besser für die Umwelt.» Aber weisst du was? Diesen Gefallen tu ich der Umwelt nicht. Nein. Viele schon, diesen aber nicht.
Lieber Gruss und mit unrasierten Beinen (der Umwelt zuliebe) Kollega Max
PS Song zum Thema: «Il ragazzo della via Gluck» von Adriano Celentano (einer der entspanntesten Öko-Protestsongs überhaupt), 1966.
PPS Gerade meine Miles & More-Flugmeilenkontoabrechnung erhalten. Rate mal, wie viele Meilen ich auf dem Konto habe? Null!