• März 2019

LIEBER MARTIN BÖSCHEN

Sie als Chef der Firma Texaid sind ja ganz schön in den medialen Tumbler geraten – unlängst wurden in der Zeitung gar die Baupläne Ihres zukünftigen Hauses auf einem «Reichenhügel» im (wenig überraschend...) Kanton Zug gezeigt, inklusive eines Autolifts zu einer Tiefgarage, denn Sie fahren scheints nicht nur einen nagelneuen Viertelmillion-Porsche mit einem die Umwelt rettenden Hybridantrieb, sondern – so gaben Ihre Nachbarn der Zeitung bereitwillig Auskunft – auch noch einen Cayenne plus einen schwarzen Ferrari.

Ich musste heute an Sie denken, denn ich ging zu einer Bushaltestelle, wo einer Ihrer Texaid-Sammelcontainer steht. Natürlich wartete der Texaid-Container dort nicht auf den Bus, sondern darauf, dass man ihn mit alten Klamotten füttert, Tschopen und Lumpen, die man nicht mehr braucht, GC-Fan-Leibchen oder Hawaiihemden – Textilien, die Sie dann weiterverkaufen oder zu Putzlumpen verarbeiten (in der Qualität «Frottee bunt» aus alten Bademänteln und Handtüchern beispielsweise zu 70 Franken und 25 Rappen das 25-Kilo-Paket). Einen Teil des so erwirtschafteten Gewinns erhalten gewisse Hilfswerke, deren Logos – wie jene von Sponsoren einen Formel-1-Rennwagen – Ihren Sammelcontainer zieren: Heks, Caritas, Winterhilfe et al. Ein Teil des Geldes kommt also tatsächlich irgendwann Armen und Bedürftigen zugute. Aber auch Sie müssen nicht darben. An die 300 000 Franken Jahreslohn sollen Sie sich nehmen, schrieb die Zeitung. Ich weiss nicht, ob 300 000 viel oder wenig ist für einen Posten wie den Ihrigen. Es scheint aber ganz so, dass viele meinen, das sei zu viel für einen, der sein Geld auf einem der guten Sache verpflichteten Terrain macht – und dann noch mit fetten Schlitten rumkutschiert. Gutes tun und es sich dabei gut gehen lassen, das beisst sich in der öffentlichen Wahrnehmung, sogar hier in der Schweiz. Man möchte doch den Armen helfen, wenn man die Kleidersäcke in den Sammelcontainer stopft – und nicht einem, der sich einen Porsche zulegt, weltrettender Hybridantrieb hin oder her.

Ich kenne einen, der ist Arzt, Chirurg gar glaubs. Der kaufte sich unlängst auch ein neues Auto. Und was legte er sich zu? Einen Porsche? Nein. Einen Ferrari? Nein. Einen Tesla? Nein. Einen Lada 4x4. Das ist ein russischer Geländewagen, der ein bisschen ausschaut wie ein Gartenhäuschen auf Rädern. Er wird serienmässig mit Anhängerkupplung geliefert, kostet aber trotzdem bloss etwa so viel wie bei Ihrem Porsche die Sonderausstattungsoption «Sportabgasanlage inkl. Sportendrohre in Edelstahl gebürstet».

Sich einen demutmässig tiefergelegten Lada zuzulegen und so die erwartbaren Erwartungen zu unterfahren, das hat Stil! Aber nicht jedem ist eine solche Coolness in die Wiege gelegt. Wenn ich mir etwa ein neues Auto kaufen könnte und wie Sie über einen Jahreslohn von 300 000 Franken verfügte... also ich wüsste nicht, was für einen Blödsinn ich anstellen würde. Sicherlich hätte ich nicht die punkige Grandezza, einen Lada zu ordern. Glücklicherweise habe ich das Geld nicht. Ich empfand es immer auch als tröstliche Gnade, in einer Branche tätig zu sein, in der monetär nie viel zu holen war – es bewahrt einen davor, sich zu viele Träume erfüllen zu können. Denn Träume sind oft bloss nichts anderes als verkleidete Irrtümer. Sie kommen in fantastisch schillernden Fasnachtsgewändern daher, doch bei genauerer Prüfung sind es dann doch bloss Lumpen, ist es Tand.

Übrigens hab ich Ihren Sammelcontainer an der Bushaltestelle dann gefragt, was er von der ganzen Sache halte. Er zuckte bloss mit der Klappe und sagte dann, er würde nie im Leben in Zug leben wollen – und sowohl ein hybrider Porsche als auch ein Miami-Vice-schwarzer Ferrari wären ihm schlichtweg zu unpraktisch. Aber die 300 000 im Jahr, die würd er nehmen. Und damit dann Gutes tun. Ich nickte und sagte: «Das sehe ich ganz ähnlich.» Ich griff den Sack mit den Altkleidern, den ich dabeihatte, warf ihn nicht wie beabsichtigt in den Container, sondern trug ihn wieder zurück nach Hause. Denn: Mein Göttibub in Basel braucht ja eh ein Ostergeschenk.

Mit gebrauchten Grüssen Max Küng

PS Song zum Thema: «Junk Shop Clothes» von The Auteurs vom Album «New Wave», 1993 – ein Lied, das mich seit damals begleitet und das ich nie entsorgt habe.