LIEBER KLUMPEN
Gestern war ich in einem Geschäft, in dem es nichts anderes gibt als Stereoanlagen. Noch immer ist der Anblick von wertigen Hi-Fi-Komponenten mit speziellen Gefühlen verbunden, als liefe ein Kabel nicht von Verstärker zur Box, sondern von heute direkt zurück in meine Kindheit. Kaum hatte ich den Laden betreten, überkamen mich Erinnerungen. Etwa wie ich – das Ohr am monofonen Saba-Kassettenrekorder – von einer turmhohen Technics-Anlage mit Equalizer, 5000-Watt-Boxen und einem Hi-Fi-Rack mit Rauchglastürchen träumte. Der Wunsch blieb unerfüllt, weswegen diesbezüglich wohl noch immer ein Feuerchen der Unbefriedigtheit in mir mottet.
Es war ein richtiger Laden, mit bimmelnder Eingangstüre, wie ich ihn länger schon nicht mehr betreten hatte. Deshalb war ich auch etwas betreten. Vor lauter Geräten und Kabeln wurde mir leicht mulmig. Ausserdem bin ich auf dem Gebiet der Elektronik nicht sonderlich bewandert.
Aus den Tiefen des Ladens tauchte ein Mann auf. Der Mann war sehr nett. Er erklärte. Ich begriff (zu grossen Teilen, ich nickte aber eifrig). Das nennt man «Beratung». Früher war eine «Beratung» ein ganz normaler Bestandteil einer Warenbeschaffung. Heute ist «Beratung» ein leicht nostalgisches Wort, so wie «Monokel» oder «Taschenuhr». Anstatt sich in der echten Welt von echten Menschen beraten zu lassen, bestellt man die Dinge im Internet. Denn heute ist eine jede, ein jeder Expertin oder Experte, in allen Dingen. Vor allem in jenen, in denen man nicht drauskommt. Es braucht etwas Mut, sich das eigene Unwissen einzugestehen. Doch hat man es einmal getan, fühlt es sich gut an, sich jemandem anvertraut zu haben.
Im Laden war ich nicht, weil ich dringend eine neue Stereoanlage brauchte. Ich besitze eine. Sie ist nichts Besonderes, aber sie klingt, sie genügt meinen bescheidenen Ohren. Ich weiss, dass manche Menschen sehr viel Geld für Hi-Fi-Gerätschaften ausgeben. Einmal hab ich eine Story geschrieben über High-End-Freaks, die für Lautsprecher allein locker eine Viertelmillion hinlegen. Und zwar für Lautsprecher, die aussehen wie von Erich von Dänikens im Suff gezeichnete ägyptische Sarkophage *. Ich bin kein High-End-Freak. Dafür fehlen mir sowohl das Geld wie auch jeglicher Sinn für Esoterik. Jedoch schätze ich es, wenn die Musik so klingt, wie zu klingen sie es verdient. Die gute alte Stereoanlage ist ja in Zeiten von Datenkomprimierung und Bluetooth-Boomboxen leider schwer aus der Mode geraten. Was schade ist, denn wie die Menschen heute teils ihre Musik hören: Es ist ein Verbrechen.
Das Problem meiner Anlage: Sie hat keinen Lautstärkeregler. Natürlich kann man die Lautstärke regeln, sie besitzt aber keinen Drehregler, sondern Tasten. Die waren damals total in, als ich die Anlage kaufte: Drucktasten! Man sah in ihnen die in die Gegenwart geholte Zukunft. Die Probleme zeigten sich aber schnell. Um etwa die Donnersymphonie von Wagner volle Pulle zu hören, muss man drücken, drücken, drücken, bis es dann endlich so richtig aus den Lautsprechern wagnert. Legt man dann aber später die neue Scheibe von Deichkind auf, sagen wir mitten in der Nacht, weil man nicht schlafen kann und sich mit dem Song «Keine Party» ein bisschen beruhigen möchte, dann hämmert natürlich dieser Song mit der zuvor bei Wagner eingestellten Maximallautstärke los – und man drückt und drückt und drückt die Taste, bis das Gerät langsam leiser wird, und drückt und drückt, wild wie ein aufgezuckerter Affe. Die ganze Familie erscheint im Wohnzimmer, vom Lärm wach geworden, nach und nach, schlaftrunken. «Hä?», sagen sie. Auch der Nachbar von oben klingelt, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Würde ich nicht im Parterre wohnen, so läutete sicher auch der Nachbar von unten. Und alles bloss, weil ich keinen Drehregler hab, sondern Tasten.
So schwoll der Leidensdruck. Tasten waren sicher mal modern. Aber Tasten machen auch klügste Geräte zu unwilligen Eseln. Deshalb die Sehnsucht nach einem Verstärker mit einem Rädchen, an dem man drehen kann. Nach links. Nach rechts. Schnell oder langsam. Wie es mir gefällt.
Lass was von dir hören! Max
PS Album zum Thema: «Swim» von Caribou, 2010. Ideal, um in oben beschriebenen Läden Boxen oder anderes zu testen. Spätestens beim Track «Bowls» wird alles klar. Oder eben nicht.
* z. B. das Modell Moon Audio Titan.