• November 2019

LIEBER KLUMPEN

In meinem letzten Brief an dich beklagte ich mich bitter über die grottige Qualität des Tages-Musikprogramms bei Radio DRS-3. Dabei erwähnte ich als Abschaltgrund auch die Band Pegasus, welche ich als «Reimlexikonrocker» bezeichnete. Ein paar Nächte später schreckte ich aus dem Schlaf. Denn ich hatte einen Fehler begangen: Ich hatte Pegasus mit einer anderen Band verwechselt. Pegasus waren zwar ein Abschaltgrund gewesen, aber mit den Reimlexikonrockern war eine andere Band gemeint. Jedoch selbst bei dieser anderen Band wäre der Begriff Reimlexikonrocker nicht korrekt, denn erstens passt die Bezeichnung Rocker nicht wirklich (Reimlexikonsoftrocker schon eher), zweitens kann ich ja nicht mit hundertprozentiger Sicherheit wissen, ob diese Band wirklich ein Reimlexikon verwendet, um ihre Songtexte zu schreiben. Zum Glück aber ist mir dieser Fehler bloss in einem Brief an dich passiert – und nicht in einem Artikel im «Magazin». Das wäre ja zu peinlich gewesen! Meine Güte. Natürlich hätte ich mich bei der Band entschuldigt – aber bestimmt wäre die dann noch saurer geworden, als sie vielleicht schon war, weil jemand sie mit 77 Bombay Street verwechselt hatte – weshalb auch immer.

So viel dazu; nun zu anderen Instrumenten. Wie du weisst, habe ich – wie so viele Männer ab einem gewissen Alter – ein Faible für Küchengeräte. Fleischschneidemaschine; Waffeleisen; Fritteuse: was man eben so braucht. Das weiss wohl auch das vor Algorithmen wild blubbernde Internet. Denn als ich kürzlich auf Youtube ein paar Filme über den frisch gebackenen Literaturnobelpreisträger Peter Handke ansah, um mich etwas zu bilden (hab ja keines seiner Bücher gelesen, mit Ausnahme von «Die Muschelsucherin»), wurde ich mit Werbung bombardiert.

Eben noch sah ich ein Interview aus dem Jahr 2016, in dem Handke gefragt wurde, wie er es mit der Debatte über «europäische Werte» halte. Er stöhnte und antwortete: «Ich bin da nicht auf dem Laufenden. Ich bin eher auf dem Gehenden.» Bald aber kam wieder ein Werbespot. Er war vom Küchengerätehersteller Miele und propagierte einen «revolutionären» neuen Backofen, eine Art Mikrowelle 2.0. Sie nennen das Ding «Dialoggarer». In der Werbung hiess es, man solle sich vorstellen, dieser Ofen sei in der Lage, mit den Nahrungsmitteln zu kommunizieren. Und umgekehrt.

Kann man sich gut vorstellen. Poulet: «Mir ist irgendwie warm!» Ofen: «Dann zieh dich doch aus.» Poulet: «Im Ernst: Mach mal kühler.» Ofen: «Halt die Klappe.» Poulet: «Du hast immerhin eine!» Und so weiter. «Nahrungsmittelbeschimpfung» würde das Stück heissen. Ich sollte mir einen solchen Dialoggarer anschaffen. Leider hat er seinen Preis. 9597 Franken verlangt Miele dafür. Ziemlich viel Kohle für eine getunte Mikrowelle. Vielleicht aber kann man in den Superofen ja auch Wörter hineinschieben, auf einem Blech in der Mitte, Buchstaben wild gemixt – und heraus kommt ein niedergegarter Nobelpreisdialog wie von Peter Handke!

Nach der Werbung stolperte ich in den Dok-Film «Peter Handke in Paris» aus dem Jahr 1975, gedreht von Georg Stefan Troller. Toll! Handke beim Bügeln. Handke beim Nähen. Handke an seiner Olympia-Schreibmaschine (Modell Traveller de Luxe). Und die Frisuren damals! Die Hosen! Die Gedanken! In einer Szene sieht man Handke mit seinem französischen Übersetzer diskutieren, wie denn das Wort «krachledern» in diese ach so selbstherrlich daherkommende Sprache der Franzosen zu übertragen sei. Handke ist mit des Übersetzers Vorschlag nicht einverstanden, lacht auf und sagt: «Da packt einen ja die Verzweiflung! Wie soll man denn da weltberühmt werden, wenn man es nicht übersetzen kann!»

Grossartig auch die Szene beim Abendbrot mit seiner sechsjährigen Tochter Amina, die er kaum je beim Namen nennt, sondern einfach als «das Kind» bezeichnet. Er brät ihr panierte Schnitzel, und als das Kind mit einer Schulfreundin freudig am Tisch sitzend mampft, sagt Handke in die Kamera: «Meine Kinder sind das Salz des Fernsehens. Mit den Kindern erreicht man die Indexziffern.» Dann grinst er, sehr zufrieden mit sich und dem eben Gesagten, den auf den Punkt gegarten Sätzen, die auch der Dialoggarer von Miele nicht besser hingekriegt hätte.

Dein Max

PS Song zum Thema «So Sorry» von Feist vom Album «The Reminder», 2007.

PPS Was geschähe, wenn ich ein Reimlexikon in den Dialoggarer schöbe? Bei 80 Grad?