• Oktober 2019

LIEBER KLUMPEN

Bald sind die Wahllokale geöffnet. Auch ich werde mich in die Schlange stellen, den Zettel in den Schlitz der Urne schieben, zu Hause dann die Hochrechnungen verfolgen, die spannender werden als so manches Spiel der Raiffeisen Super League (was natürlich nicht viel heisst). Das Beste an den Wahlen aber ist, dass es ein Danach gibt, die Plakate mit den Slogans und Gesichtern darauf wieder verschwinden. Denn ich kann diese Visagen nicht mehr ertragen, die an jeder Strassenecke von den Wänden grinsen, hoffnungsvoll blickend, optimistisch, um die Wählergunst buhlend, Zuversicht ausstrahlend, Tatkraft, Vertrauen, seriös mit Krawatte die einen, bürgernah salopp die anderen.

Kein Wunder, überkam einige der Wunsch, diese Bilder zu verunstalten. Unlängst blieb ich bei einem dieser verschandelten Wahlplakate stehen. Ich war mit meinem Kind auf dem Weg zur Schule, seufzte, sagte meinem Kind: Das dürfe es niemals tun, so ein Wahlplakat verunstalten. Denn es ist nicht recht, auch wenn so manches der Gesichter danach schreit, verschönert zu werden mit einer Piratenaugenklappe oder einem aus dem Nasenloch hängenden Riesenpopel oder einem Wurm, der aus dem Ohr lugt und in einer Sprechblase sagt: «HELLO SEXY». Lange hielt ich diese moralische Rede, während ich dem Kind die Hände vor die Augen hielt, damit es das verhunzte Bild des Politikers nicht ansehen musste, bis das Kind meine Hände zur Seite schob, mich mit schief gestelltem Kopf ansah. Es rief: «Es ist doch gar nichts!» Erst da sah ich: Tatsächlich! Das Bild war entgegen meiner Annahme gar nicht verhunzt worden! Nein, der Politiker sah einfach so aus, wie er ausschaut. Schnell nahm ich mein Kind wieder an die Hand und ging weiter, wechselte das Thema, aber eine leise Melancholie begleitete mich. Sollte ich den Mann wählen? Aus Mitleid?

Wie gesagt: Auf die Dauer sind diese Plakate bedrückend. Ansonsten verlief der Wahlkampf ja eher fade. Eines der raren Highlights war, als die FDP vor der Badi Sonnencreme verteilte, Tuben mit der Aufschrift «Damit du kein Roter wirst». Gequält lächelte die Frau von der FDP, als ich sie grinsend fragte, ob sie keinen Schnaps habe. Aber hey: Wortspiele mit Farben sollte man sich besser vorher überlegen, wenn die eigene Farbe Blau ist und sonnencremetechnisch das Gegenteil von Rot Braun bedeutet.

Die Jusos verteilten in Bern an einem Stand vor dem Bahnhof Vibratoren, um auf geschlechtsspezifische Lohnungleichheit und Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Ich dachte lange darüber nach, worin der Zusammenhang zwischen Sex-Toys und der Lohnungleichheit besteht. Ich kam nicht dahinter. Zudem: Vom GTPoV (Greta-Thunberg-Point-of-View) aus betrachtet, ist es kaum okay, die eigene Lust über das Klima zu stellen. Macht es Sinn, in Plastik verpackten Elektroschrott zu verbreiten, der wohl kaum nachhaltig in einem Bündner Bergdorf von Hand gefertigt wurde, sondern eher am Fliessband in einer schäbigen Fabrik in China, in der die Arbeiterinnen ausgebeutet werden?

Apropos Ausbeutung: Kennst du das Wappen von Herrliberg? Das ist der Ort, der unlängst in den Schlagzeilen war, wegen der dort wohnhaften zankenden Credit-Suisse-Gockel. Das Wappen zeigt drei Doppeljoche. Natürlich sind diese Joche nicht Sinnbilder für die Unterjochung der Welt durch Finanzinstitute wie die Credit Suisse, sie symbolisieren nicht Knechtschaft, sondern zeigen die stolze Verbundenheit mit dem Bauernstand. Nun, in Herrliberg also geriet ich in einen Viehmarkt – und dort an einen Stand der SVP, die ebenfalls Propagandamaterial verteilte. Es waren aber keine Vibratoren, sondern Biber (das Gebäck, nicht das Tier). Biber finde ich viel praktischer als Vibratoren – aber das ist natürlich nur meine persönliche und langweilige Meinung als alter Mann, der gerne Süsses mag.

Biberli, Vibratoren und eine Tube Sonnencreme: Bald kehrt wieder Ruhe ein. Die Gesichter verschwinden von den Plakatwänden. Ein schöner Herbst steht uns bevor.

Gute Wahl wünscht: Max

Song zum Thema: «Die Herren Politiker» von Helge Schneider vom Album «22 sehr, sehr gute Lieder (The Best of)... aber auch Erzählungen», 2003, mit folgenden weisen Zeilen: «Und die Herren Politiker, die sollen doch, die sollen doch, die sollen doch / erstma, erstma erstma, erstma einen durchziehen / Bevor die wat entscheiden. Die Doofen!»