• September 2019

LIEBER KLUMPEN

Aus der Badi kam ich, stolz, denn ich hatte zwei Längen geschafft, ohne auch nur ein einziges Mal klammeraffenartig am Beckenrand zu pausieren. An der Tramstation sah ich ein grosses Werbeplakat mit zwei lachenden Menschen darauf, die voll auf Sunfun-and-nothing-to-do getrimmt waren mit Sonnenhut und -brille und atombombenblitzhellem Fröhlichkeitsstrahlen. Ich dachte, es gehe um Werbung für einen neuen Eistee mit Kaki- oder Kaktusfeigenaroma oder um eine Billigreisedestination, dann aber las ich den Slogan: «Badi statt Bali – für ein gesundes Klima». Die zwei sonnigen Gemüter waren Politiker! Und zwar von der CVP. Das Plakat löste in mir aber einen anderen Wunsch aus: nämlich sofort einen Flug nach Bali zu buchen. Nicht weil ich dort hinwill, ich wollte bloss weit weg von den beiden Politikern.

Die CVP scheint auf die bevorstehenden Nationalratswahlen mächtig Schub zu geben und in Werbung zu investieren. Auch die Kantonalpartei Basel. Hast du das Plakat der Spitzenkandidatin Andrea Knellwolf gesehen? Sie preist sich darauf als «Freiheitskämpferin» an, da sie für Freiheit im Allgemeinen und im Speziellen für den Nacktbadestrand am Rheinbord eintritt, der exemplarisch stehe für alles Erreichte diesbezüglich. Das Plakat zeigt die (bekleidete) Politikerin zusammen mit einem Vertreter des FKK-Strandes, einem folglich nackten Mann, der uns seinen bis zum Arsch affenartig behaarten Rücken zuwendet. Den blanken Hintern deckt die Politikerin geschickt mit einer schwarzen Tafel ab, die wohl eine stilisierte tabula ansata darstellen soll, eine Inschriftentafel, wie sie auch die Freiheitsstatue in New York in der linken Hand hält. Die tabula ansata stammt aus der Zeit der alten Griechen und der Römer; da war sie schwer angesagt. Doch die schwarze Tafel auf dem Werbeplakat ist so liederlich gebastelt, mit Leimspray und Pappe, dass einen laue Traurigkeit überkommt. Nun, wie auch die originale Freiheitsstatue streckt die originelle Politikerin ihre Rechte zum Himmel, doch im Gegensatz zur Statue hält sie keine Fackel der Freiheit in die Lüfte, sondern bloss eine leere Hand. Dafür zeigt uns die Bebbi-Lady-Liberty im Gegensatz zum keusch verhüllten Original ihre Achselhöhle, entblösst und rasiert.

Und die Frau lacht! So sehr, dass ich erst dachte, es gehe darum, den freien Drogenkonsum zu propagieren. So lacht man normalerweise bloss mit einer Ladung reinstem MDMA intus oder nach einer kräftigen Brise Poppers (Chemie passt ja zu Basel). Was mir jedoch besonders auffiel bei der Bildbetrachtung: Der sich von uns abwendende nackte Mann hält seine Arme vorm Körper leicht angewinkelt, was mich zur Schlussfolgerung bringt, dass er mit seinen für uns unsichtbaren Händen sein Geschlechtsteil halten muss – und es wohl auch manipuliert. Oder zumindest uriniert er. Anders kann es nicht sein. Schau dir das Bild an!

Ich verstehe ein Stück weit das Verlangen von Politikerinnen und Politikern, «frech» und «originell» rüberzukommen, frei nach dem Motto «emol öppis anders» und «Fasnacht never sleeps». Man will auffallen. Alles okay, aber zumindest mit der tabula ansata sollte man sich da schon ein My mehr Mühe geben, sonst entsteigen die alten Römer ihren Gräbern in Augusta Raurica, kommen in die Stadt und hauen den Typen von der zuständigen Werbeagentur die tabula ansata rasant über den Schädel.

Je länger ich das Plakat der CVP-Politikerin betrachtete, desto verstörender fühlte es sich an. Mir wurde unwohl. Ich bekam es nicht mehr aus meinem Kopf. Und ich schreckte nachts jäh aus dem Schlaf, geweckt von einer rasierten Achselhöhle, die mir erschien in einem bösen Traum. Die Achselhöhle besass einen Mund, aus dem schrilles Lachen schallte – im Hintergrund sah ich eine Kohorte FKK-Freaks nahen, mit baumelnden Busen und schlenkernden Säcken. «Mamma!», rief ich laut in die Nacht – und musste dann im geizigen Licht der Nachttischlampe drei Stunden Veloheftli anschauen, damit ich mich beruhigte, das gar schröcklich Bild wieder vergessen konnte. Das sollte ja nicht das Ziel der Politik sein, oder? Bürgerinnen und Bürger um ihren verdienten Schlaf zu bringen, oder? Freiheit hin oder her, oder?

Lieber Gruss und gute Wahl! Max

PS Song zum Thema: «Statue of Liberty» von XTC vom Album «White Music», 1978.