LIEBER KLUMPEN
Vielen Dank für deinen Brief; ich bin froh, dass es dir gut geht – und danke für den Hinweis, dass in der «Magazin»-Ausgabe mit den vielen Lockdown-Tätigkeiten-Tipps einer fehlte: Briefe zu schreiben! Vielleicht bietet die Coronakrise tatsächlich eine Chance für die so ganz und gar aus der Mode gekommene Kunst der Korrespondenz, Freunden, Bekannten oder gänzlich Unbekannten Briefe zu schreiben, von Hand, mit Maschine, lang oder kurz, egal. Die Briefkästen haben schliesslich noch offen! Und ihre Bäuche sind hungrig. Wer ist nicht froh, nebst der zu erwartenden Post (Rechnungen, Rechnungen, Rechnungen) auch überraschenden Beifang in Form eines persönlich adressierten Briefes zu erhalten?
Ich schreibe gerne, stelle aber fest, dass die Empfänger teils mit Stirnrunzeln reagieren, ganz so, als zöge man eine Taschenuhr aus dem Hosensack, nachdem man um die Uhrzeit gefragt wurde. Briefeschreiben scheint etwas Vorgestriges zu sein. Als ich mich unlängst bei einer Freundin mit ein paar Zeilen für eine Essenseinladung bedankte, meinte sie später, den letzten Brief mit Tinte auf Papier habe sie zur Weihnachtszeit erhalten, von ihrer Oma, vor zehn Jahren.
Was ich nebst dem Briefeschreiben sonst noch so tue? Nun, ich bin daran, mein eigentlich fertig geschriebenes Buch zu desinfizieren. Genauer: Ich muss ein paar Passagen umschreiben, denn in der Geschichte kommt eine Frau vor, eine Sängerin, die panische Angst vor Viren und Bakterien hat. Stets trägt sie ein blaues Fläschchen mit Desinfektionsmittel mit sich herum und desinfiziert ihre Hände. Ich schrieb, sie wisse, weshalb, denn: «Würden Ausserirdische mit ihrem Ufo bei der Erde vorbeischauen, einen Blick auf sie werfen, sie würden Menschen als mobile Ausstülpungen wahrnehmen, die bevölkert und übersät sind von Viren und Bakterien. In Tat und Wahrheit sind sie die Herrscher über alles. Sie besitzen die wahre Macht: Viren und Bakterien; die Kleinsten sind die Grössten.»
Vor einem Jahr, als ich dies geschrieben habe, da war es noch irgendwie originell, fand ich, nun aber ist es nur noch platt und gähn! – ich muss also die Zukunft umschreiben, auch wenn diese in der Vergangenheit liegt.
Viren und Bakterien waren immer wieder Themen. Beim Aufräumen (was wir gerade ja alle tun) stolperte ich über einen Text aus dem Jahr 2012; in dem geht es um Menschen, die mit Ideen an mich gelangen, über die zu schreiben sich ihrer Ansicht nach lohnt. Einer etwa meinte, ich solle mal was über Bjørn Halvard Knappskog schreiben, den Monopoly-Weltmeister von 2009. Eine meinte, ein Text über die Überlegenheit des Charmes des Bündner Mannes insbesondere in ausserkantonal-urbanen Gebieten und der Zusammenhang mit dem Schlafen auf Rosshaarmatratzen sei angebracht! Und einer war der Ansicht, ich solle darüber berichten, wie schwierig es für einen Mann mit Bart sei, eine Frau zu finden; und wieviel Ungeziefer und Viren und Bakterien in diesen Bärten hausten. Als ich dies gelesen hatte, fasste ich einen Entschluss. Nämlich etwas zu tun, was ich über zwanzig Jahre nicht mehr getan hatte: mir meinen Bart abzurasieren, und zwar ganz und gar, bis zum letzten Stoppel. Das Problem ist nicht, dass ich ein Problem damit hätte, eine Frau zu finden. Die habe ich bereits gefunden (mit Bart übrigens, also ich). Auch ist der Grund zur Rasur nicht die Angst vor Viren und Bakterien, die im Gestrüpp meiner Gesichtsbehaarung mit Ungeziefer Goa-Partys feiern, ebenso wenig fürchte ich eventuelle Unbequemlichkeiten beim Tragen eines Mundschutzes. Es ist bloss so, dass ich wieder mal ein anderes Gesicht sehen möchte. Und meine Liebsten wird es sicherlich auch freuen, in ein neues Antlitz zu blicken. Ich bin gespannt, ob es ein freundliches sein wird. Hoffentlich wird es lächeln! Mal sehen. Den Rasierer auf jeden Fall habe ich bestellt, einen Panasonic ES-LV6Q mit Fünffachscherkopf, Softgleitrollen und «nanopolierten 30°-Klingen»! Um ein solches Gerät habe ich die Glattrasierten immer schon beneidet, seit meiner Kindheit!
Bleib gesund, sei gegrüsst Dein Max
PS Einer der raren Songs, die im Titel sowohl das Thema Korrespondenz wie auch Barttragen vereinen: «Beard in the Letterbox» des Bassisten Mick Karn vom Album «Bestial Cluster», 1993, frei nach einem schwedischen Sprichwort («Skägget i brevlådan»).