LIEBER HERR DUBLER
Auch wenn man wollte, so kann man nicht alles begreifen – wenigstens mir geht es so. Gemessen am Gewicht aller Dinge, die auf dieser Welt vor sich gehen, verstehe ich bloss ein Milligramm eines Milligramms; vielleicht sogar noch weniger. Zum grossen Haufen des Unbegreiflichen gehört auch der Mohrenkopf, Herr Dubler, der in Ihrem Familienbetrieb im aargauischen Waltenschwil im mittleren Bünztal seit Dekaden hergestellt wird.
Als ich unlängst im Knonauer Amt auf einer Rennvelotour ameisengleich auf der Suche nach schnellem Zucker in den doofen Rennveloschuhen durch den Dorfladen trippelte, präsentierte man dort Ihren Mohrenkopf prominent auf einem Podest, ganz so, als handelte es sich dabei nicht um ein süsses Nahrungsmittel (4194 kcal pro Kilo), sondern um kostbare Preziosen oder Reliquien gar. Mein Zuckerbuchhalter rief: Greif zu! Doch ich zögerte.
Die Debatte um das Ding ist zäh wie das Innenleben eines überlagerten Mohrenkopfs. Natürlich wäre ein Ersatz für den Begriff Mohrenkopf nur schwer zu finden. Schaumkuss? Furchtbar! Doch diese Arbeit könnten Sie sich sparen, Herr Dubler. Sie müssten den Namen gar nicht ändern, sondern könnten ihn einfach weglassen, denn längst ist der Markenname zum Synonym für das Produkt geworden: Ein Dubler ist ein Dubler ist ein Dubler! Schon von weitem erkennbar und unverkennbar dank Schriftzug und goldener Farbe. Ich bin kein Marketingfachmann, doch dünkt mich diese Möglichkeit ziemlich genial und elegant. Oder Sie nennen ihn mit englischer Sprachglasur Dubler One! Dann Dubler Mini; Dubler XL und so weiter.
Aber eben: Dickköpfig beharren Sie auf dem Begriff Mohrenkopf; und so wurde Ihr Produkt innert Kürze zur schaumig-luftigen Pièce de Résistance oder, genauer, zur Pièce de Trotz, zum süssen Symbol des Kampfs gegen Veränderung und die Tatsache, dass die Erde sich dreht, die Zeit vergeht und einem Wandel unterliegt. Ein Dubler-Kauf ist zum politischen Statement geworden.
Was ich auch nicht kapiere: Wie gewisse Influencer ticken. Zum Beispiel diese Mimi Jäger, unlängst in den Schlagzeilen wegen Black-Lives-Matter-Demonstrantenbeleidigung und eines daraus resultierenden Shitstorms. Deswegen verlor sie den Ikea-Werbejob. Verständlich, dass Ikea diesbezüglich sehr sensibel ist, war doch deren Gründer Ingvar Kamprad einst Funktionär der faschistischen Partei SSS (Svensk Socialistisk Samling). Da schaut man dann schon etwas genauer, wen man für Werbung für das Bett ASKVOLL, den Duschvorhang KRATTEN oder den Tisch KLIMPEN/LALLE vor den Karren spannt. Da geht nur eine Person mit besenreiner Moral. Blöd ist die Sache aber für die Influencerin bezüglich ihres Portemonnaies – so wird dann aus Instagram instant Gram: digitaler Kummer. Aber eben, was ich nicht checke: Was diese Influencer mit ihren Kindern anstellen. Mimis Bub beispielsweise ist drei Jahre alt, ein herziger Zapfen, muss aber schon fleissig mitverdienen, darf auf Mutters Kanal für Schuhe von Dosenbach werben, für Philips-Haushaltgeräte, Skier von Elan, Desenio-Raumschmuck, Old-El-Paso-Tortilla-Bowls, schon im Krabbelalter musste er für das digitale Sparschwein der Credit Suisse herhalten. Lustig lächelnd hilft er der Mutter, die Herzen der Instagram-Gemeinschaft zu erweichen und so auch das Image von Dubai aufzupolieren, denn Mamma ist mega Fan der Vereinigten Arabischen Emirate («A country I miss a lot»); dass in der wüsten Wüstenmonarchie auf Homosexualität die Todesstrafe steht, scheint kein Problem zu sein, ganz im Schulterzuck-Sinne von: Andere Länder, andere Sitten.
Nun, Herr Dubler, Frau Jäger würde sicher für Mohrenköpfe werben. In Dubai! Das gäbe herzige Bilder mit dem kleinen Buben auf den Schultern eines Scheichs! Aber eben: Werbung haben Sie ja gar nicht nötig. Die Dinger verkaufen sich von alleine. Aber nicht immer! Denn ich entschied mich im Dorfladen gegen den Mohrenkopf, griff mir stattdessen ein Biberli, genauer: einen Appenzeller Bärli-Biber (3960 kcal pro Kilo) – ein formidabler Energielieferant! Und mit einem ganz unverfänglichen Namen – wenigstens in unserem Sprachraum und bis dato.
Mit besten Grüssen
Max Küng
PS Song zum Thema: «Dublerone» von Dub Spencer & Trance Hill vom Album «Return of the Supercops», 2007. Als hätte die Luzerner Dub-Band damals schon gewusst, was heute ist.