LIEBER GLÖCKNER VON NEBENAN
In den Bergen war ich, zwei Wochen am Stück, in einem kleinen Dorf. Nur wenig mehr als dreihundert Seelen leben dort, Tendenz leicht sinkend. Das Postamt schloss vor Jahren schon. Der Lebensmittelladen machte kürzlich dicht. Aber zwei Kirchen stehen dort, Hunderte von Jahren schon. Beide Kirchen haben Glocken in ihren Türmen hängen, die volle Stunden schlagen. Es sind feine Klänge, was gut passt, denn in dem Dorf ist es brutal ruhig; es ist so still dort, dass ich nachts beim Einschlafen das Rauschen des Blutes in meinen Ohren höre. Nirgendwo schläft man so gut wie in diesem Dorf. Friedlicher kann nur der Tod sein.
Nun ist es aber so, dass die beiden Glocken nicht exakt zur selben Zeit schlagen. Es gibt eine Verzögerung von ein paar Sekunden. Erst dachte ich, dass die eine Kirche katholisch sei, die andere protestantisch und der Glöckner der Katholiken besitze eine präzise Armbanduhr, eventuell gar etwas Pompöses, der Protestant jedoch sei uhrenlos. Also warte der einfach, bis der katholische Glöckner die exakte Stunde geschlagen hätte – und ziehe dann seinerseits am Seil. Dem ist aber nicht so, denn es sind beides katholische Gotteshäuser. Das eine ist dem heiligen Martin gewidmet, der vom Ross herunter für einen Armen sein Tuch zerschneidet, das andere dem heiligen Rochus, Schutzpatron gegen die Pest, vor Ort San Rocco genannt.
Dann dachte ich, dass sie sich in dem kleinen Bergdorf vielleicht bloss einen Glöckner leisten könnten, der dann zwischen den Glockenseilen hin und her flitzen müsse. Aber so schnell kann kein Glöckner sein, denn zwischen den Türmen liegen dreihundert Meter Luft – zudem: Glöckner als Profession wird beim Berufsberater heute kaum mehr empfohlen. Der Glöcknerjob besteht bloss noch darin, ein paar Knöpfe zu drücken, Tasten zu programmieren, und wird vom Mesmer erledigt. Den Rest verrichten Apparaturen.
Wie auch immer: Die Glocken in den Türmen in den Kirchen in dem Dorf in den Bergen scheinen miteinander zu kommunizieren. «Bimm» sagt die eine. «Bamm» die andere. Dann schweigen sie wieder, kehrt wieder Ruhe ein.
Mit der Ruhe war es vorbei, als ich zurück in die Stadt kam. Die Stadt ist furchtbar laut. Das ist natürlich eine Binsenwahrheit, doch bin ich ein jedes Mal aufs Neue überrascht, wie schrecklich lärmig sie ist – bis ich mich ein paar Tage später wieder daran gewöhnt habe. Laut war die Stadt, und leer war mein Kühlschrank, also machte ich mich auf den Weg zum Supermarkt. Ich kam dabei an einer Kirche vorbei, deren Glocken eben das Abendgeläut angestimmt hatten. Alle Glocken gingen. Töne schwollen himmelan. Ein Klingen und Läuten. Ein schallend Preisen aus gegoss’nem Eisen. Vorsorglich kaufte ich im Supermarkt auch Erdnüsse, die ich mir auf dem Heimweg in die Gehörgänge stopfen konnte.
Wo ich wohne, gibt es zwei Kirchen in unmittelbarer Umgebung. Die eine evangelisch-reformiert, die andere römisch-katholisch, laut sind sie beide. Sie sind je mit fünf Glocken bestückt. Warum muss das Geläut so laut sein? Warum nicht fein und lieb wie die Glocken im Bergdorf? Natürlich braucht die urbane Kirche Kundschaft. Es hat des Öftern noch Plätze frei. Aber sind Glocken das wirksame Werbemittel? Ich habs nachgemessen, mit einem Schallmessinstrument. Beim täglichen Morgengeläut um sieben Uhr: 92 Dezibel. Das ist lauter, als es der akustische Höhepunkt in der Unterhaltungskathedrale des Abaton-Kinos war, als im Film «Jumanji: The Next Level» eine Horde blutgeil schreiender Mandrills attackierte. Ich weiss: Sich über Dinge aufzuregen, ist nichts anderes als ein untrüglicher Hinweis, dass nun bald das greise Genörgel und die allgemeine Altersrenitenz beginnt, man alt wird. Sich über das Gebimmel von Kirchenglocken zu beschweren, ist uncool. Man sollte das sein, was die Kirchenglocken nicht sind: leise und sanft, schweigsam. Aber eben, die eine Frage bleibt: Wie klein muss ein Gott sein, dass er so grosse Glocken braucht?
Es grüsst, die Hände auf den Ohren Max Küng
PS Song zum Thema: «For Whom the Bell Tolls» von Gianni Ferrio vom Soundtrack zur TV-Serie «Curb Your Enthusiasm», 2006.