LIEBER GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL
Sie waren ja Philosoph, also voll der Kluge, haben dicke Bücher geschrieben, Jünger gehabt, ältere und jüngere, Einfluss ohne Ende, was Ihnen schliesslich aber alles nichts nutzte, weil Sie ja nun auch tot sind – eine Weile sogar schon. Wären Sie es nicht, könnte man Ihnen heuer zum 250. Geburtstag gratulieren. Aber eben: jetzt bloss Party mit den Würmern und deren Artgenossen. Und ich muss gleich sagen, von Philosophie habe ich keinen blassen Schimmer. Sowieso: Bei «Hegel» denkt unsereins ja erst einmal nicht an ein Werkzeug des Geistes, sondern an ein Sackmesser, denn so heisst das Taschenmesser in unseren Breitengraden: Hegel. Der Begriff hat hierzulande aber noch andere Bedeutungen. Ein Hegel ist nicht nur ein grobes Klapp- oder Taschenmesser, sondern steht auch für Grobian, Bauernlümmel oder einen Händelstifter. Auch ein «ausgelassen lustiges Weib» kann Hegel heissen. Das alles weiss das «Idiotikon», das Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache. Ausserdem kann Hegel auch für Zuchtstier stehen sowie für ein erigiertes Glied – oder für einen, der «sich komisch benimmt», ein Hanswurst etwa oder ein Fastnachtsnarr. All dies ist Hegel. Doch unser Dialekt und seine facettenreiche und manchmal auch einfältige Vielfältigkeit ist wohl nicht so Ihre Sache, sondern eher die Dialektik, also die Lehre von den Gegensätzen in den Dingen. Und vor allem ist die Logik einer der Grundpfeiler Ihrer Arbeit. Und genau mit der Logik hab ich ein Problem. Oder sie mit mir.
Die Welt, so dünkt mich, ist aus den Fugen. Nicht nur weltpolitisch, sondern auch im Kleinen. Beispiel? Unlängst stolperte ich auf einer Wanderung auf Instagram über eine Bloggerin, deren Motto lautet: «There is no planet B», zudem: «Change the world in small steps», Hashtags: «environment», «sustainability» und «ecofriendly». Alles löbliche Ansinnen. Aber was macht die gute Frau? Sie präsentiert nichts anderes als Fotos ihrer exzessiven Reiserei (Neuseeland, Island, Marokko etc.) plus Shoppingpropaganda und noch ein bisschen mehr oder weniger schleichende Produktwerbung. Menschen scheinen Widersprüche nicht mehr als solche wahrzunehmen. Sie sagen etwas, handeln dann aber präzis gegenteilig. Vernunft und Unvernunft scheinen heute eine pirouettengespickte Eistanzpaarlauf-Übung aufzuführen – aber müssten sie nicht von Natur her Karate kämpfen? Anderes Beispiel: Die Welt wird immer grüner, die Klimajugend marschiert, aber ein Blick auf die Strassen zeigt: Die Invasion der Monster-SUVs rollt! Anderes Beispiel: Langsam erfahren Frauen im Zuge der #MeToo-Debatte ein gewisses Mass an Gerechtigkeit, aber was hören die Kids für Musik? Verachtungsrap, etwa von SSIO («Dumme Huren wollen seelischen Beistand, schon nach paar Takten putzen sie die Zähne mit meinem Schwanz»). Können Sie mir mit Ihrer Logik weiterhelfen, Herr Hegel? Ich komm da nicht mehr mit. Oder steht das Scheitern im Zentrum einer jeden menschlichen Existenz?
Ich dachte aber noch aus einem anderen Grund an Sie. Ich habe mir einen neuen Verstärker gekauft, endlich! Es ist ein simples Gerät, neunzehn Kilo schwer, norwegischen Ursprungs, schwarz, mit viel drin und nichts dran als zwei Drehreglern. Und wissen Sie, wie das Ding heisst? Hegel! Ein Verstärker, der wie ein Philosoph heisst, so dachte ich, der müsse einfach gut sein. Und wissen Sie was? Er ist nicht gut, weil: Er ist verdammt gut! Warum er Hegel heisst? Nun, Namen sind wie Viren: Sie gehen von einem Wirt zum anderen über. In diesem Falle ging es so: Hegel nannte sich die Heavy-Metal-Band, in der ein Student der Norges teknisk-naturvitenskapelige universitet spielte. Und als der dann nach seinem Studium eine Hi-Fi-Firma gründete und dafür einen Namen brauchte, nahm er einfach jenen seiner alten Band. So wurde der Philosoph zur Metal-Band – und die Metal-Band zum Verstärker. Und was wird dann aus dem Verstärker?
Wir werden sehen. Oder auch nicht. Auf jeden Fall bin ich nun ein eingefleischter Hegelianer. Denn wenn alles so klar wäre wie die Musik, die aus dem Verstärker kommt, der Ihren Namen trägt, dann wäre die Welt wieder frisch und sauber verfugt.
Mit teils aufgeklärten Grüssen Max Küng
PS Song zum Thema: «Saturday Night Philosopher» von John Barry vom Soundtrack zu «The Chase», 1966.