LIEBER FRANCO CLIVIO
Eine jede und ein jeder, die oder der von Berufs wegen schreibt, kennt Momente, in denen die Arbeit schwerer fällt als an anderen Tagen. Und alle haben wohl eigene Strategien, mit diesem Problem umzugehen. Wird mir die Zeit zäh, bleibt das weisse Blatt Papier blank, der Bildschirm bleich, dann gehe ich in die Papeterie. Das ist zurzeit schwierig, ich weiss, ich vermisse sie bereits, aber notfalls ginge auch online. Nun, in der Papeterie kaufe ich was Kleines, ein Notizbuch, einen Radiergummi oder eine Ladung neuer Patronen für den Füller, damit aus dem bald wieder Gedanken schössen wie aus einem.45er Colt.
Vor einer Weile aber stand mir der Sinn nach mehr. Ich wollte mir etwas gönnen. Hin und wieder muss das sein. Also besah ich die Auswahl an Schreibgeräten — schliesslich braucht ein jeder Arbeiter eine gewisse Palette an Werkzeugen. Ein Kuli fiel mir besonders ins Auge. Er sah sonderbar klein aus, war kurz wie ein beinahe aufgerauchter Stumpen. Als ich ihn ausprobierte, musste ich sogleich lächeln: Per Daumendruck erscheint nicht nur die Schreibmine, auch der Körper des Kugelschreibers verlängert sich – und man hält ein ausgewachsenes Schreibgerät in der Hand. Es war wie bei einem Zaubertrick! Ein ausgeklügelter Mechanismus musste in dem kleinen Ding stecken, den ich mir vorzustellen nicht in der Lage war. Ich erstand den Kuli – er war nicht mal teuer – und schob ihn in den Hosensack. Seither sind wir dicke Freunde!
Der Kuli ist das Modell Pico des deutschen Herstellers Lamy mit Sitz in Heidelberg. Sie kennen den Kuli gut, denn Sie haben ihn entworfen, vor zwanzig Jahren schon. Sie sind Designer, haben in Ulm studiert zu einer Zeit, als Ihr Beruf noch Entwerfer hiess. Deswegen schreibe ich Ihnen. Um mich für diesen kleinen Kugelschreiber zu bedanken, den Sie sich da ausdachten. Er hat mir ein paar Zentimeter Hoffnung und Glauben zurückgebracht.
Der Begriff Design wurde für mich nämlich in den letzten Jahren mehr und mehr zu einem Schimpfwort – die Designer wandelten sich von stillen Autoritäten und Autoren der Schönheit und Funktionalität zu willigen Clowns, die sich von Marketingabteilungen vor den Karren spannen lassen, um Konsummüll aufzupeppen. Ein Beispiel sind diese mehr und mehr an die Bekämpfung von Ausserirdischen gemahnenden Staubsauger. Am Krassesten aber tritt die Tristesse des Designs in der Automobilbranche zutage: Die Autos unterscheiden sich bloss noch durch immer brutaler und dramatischer inszenierte Kühlergrills und Lufteinlassschlitze – eine wahre Gestaltungsgewaltspirale ist da im Gange.
Aber eben: Es gibt sie noch, die schönen Dinge!
In einem Interview habe ich gelesen, die Idee für ihren Kuli wurde aus einer Not heraus geboren, denn Sie hatten (und haben wohl noch immer) die Angewohnheit, Stifte in den Hosensack zu stecken. Doch normale Stifte sind dafür schlicht zu gross, zu lang, zu sperrig. Sie verkanten. Sie stören. Also suchten Sie einen Weg, dieses Problem zu lösen. Ich kann sagen: Ist Ihnen gelungen! Und davon bin nicht nur ich überzeugt. Als unlängst mein Pico verschwunden war, befragte ich (sanft, ohne den Einsatz von Drohungen oder Wahrheitsserum) meine Familienmitglieder nach seinem Verbleib. Mein zehnjähriger Sohn gestand: Er hatte ihn sich geborgt, um damit Superhelden zu zeichnen. Als ich ihn fragte, ob er den Kuli möge, sagte er: «Ich mag ihn nicht. Ich liebe ihn!» Dem kann ich nur beipflichten.
Ihr Pico ist nicht nur ein praktisches Allzeit-bereit-Werkzeug, das sich einhändig bedienen lässt (wichtig!), sondern auch ein wahrer Handschmeichler. Es ist beruhigend, ihn im Hosensack zu wissen. Er ist zwar bloss ein kleiner Kugelschreiber, doch er ist das geworden, was er hoffentlich noch lange sein wird, insbesondere jetzt, in diesen Zeiten und darüber hinaus: mein Glücksbringer.
Mit «schönen» Grüssen
Max Küng
PS Das letzte Album der neuseeländischen Sängerin Aldous Harding passt zwar nicht in den Hosensack, ist aber vom Titel her sehr schön: Es heisst «Designer». Und ist grossartig.
PPS Alle Songs – fast alle –, die in den letzten Jahren in dieser Kolumne erwähnt wurden, gibt es jetzt als 10-Stunden-Playlist auf Spotify. Den Link dazu findet man auf meiner Instagram-Seite.