LIEBER BLUMENKOHL
Am Samstag vor zwei Wochen – als die Sache begann, auch bei uns ernst zu werden – ging ich in die Migros und sah, von was ich nur gehört und für ein Social-Media-Gerücht gehalten hatte: Die Gestelle waren leer gekauft. Bis dahin dachte ich, Hamsterkäufe gebe es nur in Zoohandlungen, aber nein, die Menschen hatten zugelangt, und zwar so richtig, vielhändig. Vor allem beim Gemüse. Die Gestelle waren gänzlich leer geräumt. Gänzlich? Nein, es gab noch zwei Randen, eine Süsskartoffel – und eines der Kistchen war gar noch fast voll: jenes mit dir, mein lieber Blumenkohl. Da überkam mich Mitleid. Selbst wenn es hart auf hart kommt, scheinen die Menschen dich zu meiden. Was ich einerseits nicht verstehen kann, andererseits still begrüsse, denn du bist in meiner persönlichen Gemüsehitparade auf einem der vorderen Plätze angesiedelt, wohl auf dem Siegertreppchen gar, zusammen mit der Prinzessin Erbse und dem für immer und ewig unschlagbaren King Artischocke. Die Artischocke ist ja so etwas wie der Muhamad Ali der Gemüse. Und du? Wer bist du? Nobody?
Warum man dich nicht mag? Ich kann nur spekulieren. Vielleicht bist du den Leuten zu bleich, zu farblos? Eventuell schreckt sie dein subtil kohliges Parfüm? Allenfalls macht ihnen deine vom Grossen ins Kleine gehende Konstruktion Angst, dein an ein Gehirn gemahnendes Aussehen?
Dabei bist du für viele andere Zutaten ein guter Kamerad und von einer erstaunlichen Vielfältigkeit. Du bist das Schweizer Offiziersmesser der Gemüse. Aus dir lässt sich beispielsweise ein ziemlich genialer glutenfreier Pizzaboden herstellen: Man muss dich bloss fein raspeln, kurz dämpfen, abkühlen lassen, in ein Tuch geben, dann brutal erwürgen, bis der letzte Tropfen Flüssigkeit ausgewrungen ist. Dann mit einem verquirlten Ei, geriebenem Parmesan und fein gewürfeltem Mozzarella vermengen, würzen, dünn auf ein Blech streichen (Backpapier nicht vergessen), bei 200 Grad 20 Minuten in den Ofen schieben – und schon hat man einen knusprigen Pizzaboden ohne böse Gluten, den man nach Gutdünken belegen und fertig backen kann. (Wenn du mehr darüber wissen möchtest, google mal «Cauliflower Pizza Crust».)
Ich mag dich aber auch zu Pasta – Orecchiette etwa –, deine Röschen kurz gedämpft, dann mit Chili und Knobli in Olivenöl geschwenkt.
Mein derzeit mit Abstand allerliebstes Rezept mit dir stammt – wie könnte es anders sein – vom unausweichlichen, unvermeidbaren Yotam Ottolenghi: «Blumenkohl mit Granatapfel und Pistazien». Ein Gericht, welches dich geröstet und roh gleichzeitig auf den Tisch bringt, und auch deine schmackhaften Blätter werden nicht verschmäht. Das Rezept ist simpel: Ein Drittel eines grossen Blumenkohls raspeln. Den Rest, in Röschen zerteilt, samt den Blättern plus einer grob geschnittenen Zwiebel und kurz von Hand mit Olivenöl massiert, im Ofen 20 Minuten rösten. Abkühlen lassen. Dann mit den rohen Raspeln, mehr Olivenöl, gehackter Petersilie, Minze, Estragon, Granatapfelkernen und gerösteten und grob gehackten Pistazien (ich mag es lieber mit Cashewkernen) mischen. Mit einem Schuss Zitronensaft, gemahlenem Kreuzkümmel (muss nicht sein) und Salz abschmecken. Fertig.
Zudem bist du nicht nur leicht verdaulich, sondern auch sehr gesund: 156 Gramm deiner Wenigkeit genügen, und schon ist der tägliche Bedarf an Vitamin C gedeckt.
Lieber Blumenkohl, ich verbeuge mich vor dir! Und dass meine Kinder immer wortreich über dich fluchen und schimpfen und sich die Nase zuhalten und die Augen verdrehen, wenn sie dich schon nur sehen, so wie sie es sonst bloss beim Käse tun, der weich im Kühlschrank in seiner Plastikgefässquarantäne harrt.
Mit einem gewissen Hunger nun: dein Max
PS Song zum Thema: «Vitamin C» von Can vom Album «Ege Bamyasi», 1972. Oder: «Cauliflower» von Dan Le Sac vs Scroobius Pip vom Album «The Logic of Chance», 2010. Dan Le Sac übrigens komponierte auch den Soundtrack zum Textadventure-Videospiel «Quarantine Circular», welches eine globale Pandemie zum Thema hat, 2018.
PPS Ich soll dir liebste Grüsse von meinem Kollegen Christian Seiler aus Wien bestellen. Auch er verehrt dich!