LIEBER BERNARD MAITENAZ
Vor exakt sechzig Jahren stellten Sie im geschichtsträchtigen Hôtel Lutetia in Paris eine von Ihnen erfundene Weltneuheit vor: ein Brillenglas, welches die Korrektur der Alterssichtigkeit ermöglicht. Sie tauften es Varilux. Sechzig Jahre sind eine lange Zeit – und es kommt mir gefühlt so lange vor, seit ich beim Sehtest sass, bei einem Optiker, der mich fragte: «Ist es so besser? Oder so?», während ich auf verschiedengradig verschwommene Buchstaben stierte. Ich sagte: «Äh.» Er: «Ist es so besser? Oder so?» Ein Sehtest ist keine schmerzhafte Angelegenheit, aber mühselig, so ähnlich, wie in einer Umkleidekabine ein Dutzend Hosen zu probieren an einem heissen Sommertag. «Ist es so besser? Oder so?» Ich sagte: «Beides gleich schlecht. Oder gleich gut. Je nachdem, ob das Brillenglas halb voll oder halb leer ist.»
Am Ende des Sehtests, während ich vom Testgestühl kletterte, fragte mich der Optiker: «Haben Sie schon mal über Gleitsichtgläser nachgedacht?» Er fragte es mit gedämpfter Stimme, als fragte er mich etwas Delikates, ob ich schon über eine Vasektomie nachgedacht hätte oder einen Beitritt zu den Scientologen in Erwägung ziehe. «Nein», rief ich, «nein, nein!», und verliess das Geschäft. Das war vor sechzig Jahren, in etwa.
Man kann die Augen verschliessen vor dem eigenen äusserlichen Zerfall, den Alterungsprozess ignorieren, die Beweglichkeit beim Pilates dressieren und so noch immer beschwerdefrei sich einen Mückenstich am Knöchel aufkratzen, man kann in Gedanken sich noch immer so fühlen wie als Neunjähriger, der pfeifend durchs Dorf hüpft und über Comic-Superhelden sinniert. Die Augen aber lügen nicht, sie lassen einen deutlich erkennen, dass man alt geworden ist, von einem Moment auf den anderen, über kurz oder lang ereilt einen die Altersweitsichtigkeit.
Lange also wehrte ich mich gegen den Gedanken an Gleitsichtgläser, dieses durchsichtige Eingeständnis des eigenen Alterns; doch bald konnte ich die Menükarte im Restaurant nicht mehr entziffern. In einem Take-away griff ich den Menüflyer und zeigte auf irgendwas, sagte: «Al dente, medium rare, mit Salat to go, danke.» Und als die Bedienung meinte: «Entschuldigung, Sie sind hier im Podologiestudio Quattro Formaggi», da verliess ich die Lokalität im Rückwärtsgang, eilig und beschämt, wie nach einem gescheiterten Banküberfall.
«Leidensdruck» ist ein schönes Wort (in Ihrer Sprache klingt es natürlich noch schöner: la souffrance). Und bald lugte der Zeiger des Manometers meines Leidensdruckkessels in den roten Bereich – und ich sass wieder beim Optiker, diesmal fragte eine Frau: «Ist es so besser? Oder so?»
Ich trage nun eine Brille mit Gleitsichtgläsern. Was kann ich sagen? Ein Wunder! Ein neues Leben! Gut, anfangs musste ich mich daran gewöhnen. Ein jeder Gang vor die Haustüre fühlte sich an, als hätte ich zum Frühstück zehn Space-Cookies verdrückt. Aber das Auge und das damit verbundene Gehirn sind wie Bud Spencer und Terence Hill: ein phänomenales Team. Man gewöhnt sich an alles, irgendwann.
Einer meiner Freunde hat eine Theorie: Der Mensch, der nicht gut sieht, der sieht nicht gut, weil er der Realität nicht ins Auge sehen will. Ist natürlich Humbug, doch dieser Freund erzählte mir auch die Geschichte von einem Bekannten. Der war beinahe blind, weshalb er sich zu einer Operation entschloss. Plötzlich konnte er wieder scharf sehen! Und was tat er als Erstes? Er verliess seine Frau.
Nun, in meiner Welt ist nichts hässlich.
Was ich sehe? Ich sehe in genau diesem Moment in der Ferne Wolken, die sich über einen steilen bewaldeten Berghang wälzen, ein Strommast wächst aus dem Wald wie ein eiserner Riesenbaum, in der Nähe sehe ich in einem wild wuchernden Garten zwei Vögel sich zanken (gemäss aufgeschlagenem Bestimmungsbuch zwei Zilpzalpe). Und wenn ich den Kopf etwas wende, sehe ich diese Buchstaben hier, die auf dem Bildschirm meines Laptops auftauchen, einer nach dem anderen, alle gestochen scharf.
Was ich sehe, am letzten Tag der Sommerferien im Häuschen im Süden, durch die gleitsichtigen Gläser meiner Brille, ist die Welt, in der ich lebe. Sie ist schön, fern und nah und auch im Zwischenbereich.
Merci, Max Küng
PS Komponist zum Thema: Philip Glass mit z. B. «Metamorphosis Two» vom Album «Solo Piano», 1989.