• März 2019

LIEBER BAHNHOFSKIOSK

Ich möchte mich kurz bei dir bedanken. Es ist nämlich so, dass ich zu den Menschen gehöre, die keinen Nervenkitzel vertragen. Ich mag weder Horrorfilme noch Achterbahnen, sogar Wasserrutschen mit einer Länge von mehr als zwei Metern lassen mich nicht vor Freude aufschreien, sondern erschaudern, treiben mir die Panik hinter die Brillengläser. Ich mag es ruhig. Ohne Stress. Deshalb bin ich auch gern immer etwas zu früh am Bahnhof, wenn ich auf den Zug muss. Dann stehe ich unter der grossen Anzeigetafel, blicke von dort auf meine Armbanduhr und sehe erleichtert: noch 53 Minuten bis zur Abfahrt. Was tun mit der Zeit? Genau: Ich statte dir einen Besuch ab und such mir eine Zeitschrift für die Reise aus. Deine Auswahl, sie ist gewaltig!

Die Zeitschrift «Naturarzt» lockt mit «15 Seiten Spezial Darmgesundheit», «Mysteries» mit «Unterdrückte Entdeckungen – Wird die Menschheit manipuliert?»; und vom Titel von «Backen mit und für Kinder» ruft eine glückliche Mutter mit lockigem Haar: «Wir backen uns schöne Momente und Leckereien!» – und das Kind auf ihrem Arm: «Backen mit Mama macht Spass!» Die «Greta» verspricht: «Entlarven jeden Lügner: Was Augenbrauen über den Charakter verraten … (machen Sie den Selbsttest)», zudem: «Apfelkuchen, die glücklich machen». Auf «My Illu» prangt auf dem Dekolleté von Maria Furtwängler: «Kleinere Männer haben mehr Pfeffer im Hintern», «Traumhaft cremig – Köstliche Käsekuchen». «Wenn schwarze Löcher weiss werden», berichtet «Space – Das Weltraum-Magazin». Vom Umschlag eines Krimimagazins («Wahre Verbrechen – Täter – Opfer – Abgründe») lächelt verführerisch Marilyn Monroe: «Der Mörder lag in ihrem Bett.» (Ich dachte erleichtert: besser «in ihrem» als «in Ihrem»!) «Caliber» bringt einen Testbericht zum Schnellfeuergewehr SIG Sauer MCX Virtus («Virtuos»).

Meine Aufmerksamkeit aber liegt schon beim nächsten Titel, denn bei «Endlich ich! Spass für mich!» strahlt Queen Elizabeth II vom Cover: «Heisse Gerüchte – Jetzt packt ihr Koch aus.» Rosarot leuchtet der Umschlag von «Mami» («Gefühle kann man lesen»). «Weltkrieg Erlebnisberichte» gibts im «Grossband» und in einer Titelgeschichte über den «Endkampf 1945 – mit dem Sturmbataillon ‹Charlemagne› in den letzten Kämpfen um Berlin» für nur drei Franken und 70 Rappen. «Visionen (Einfach. Besser. Leben)» buhlt mit «Mystisches Mallorca». «Nonne trifft Hipster – Gespräche zwischen Kirchenbank und Barhocker» verspricht die Zeitschrift «Lebenslust», zudem: «Als CIA-Agentin im Irak».

Sehr sagt mir der Hefttitel «Zeit für mich – Gefühltes Alter: Jung!» zu, weniger die Titelstory («Ich wäre gern Oma»). Magisch klingt «60 Jahre RhB-Lokomotiven Ge 6/6 II» der «Eisenbahn-Revue», ebenso wie «Gretchenfrage: Rüde oder Hündin?» von «Hund & Jagd (kompetent – kritisch – unabhängig)». «Bayolino» heisst ein Magazin für junge Fans des FC Bayern (ich bin beides nicht, bin es nie gewesen). «Wieder da! Spass am Sticken!» verspricht «Tina Kreativ»; «Österliche Torten & Menüs» die «Frau von Heute»; «So gut, so günstig – Von Wrap-Auflauf bis Toskana-Hähnchen-Pfanne» die neue «Lisa».

Eine Herkulesaufgabe: Für welches Magazin sollte ich mich entscheiden? Da gab es auch noch «Sudoku – Extra leicht» sowie praktisch kleinformatige Sammelbände von Western-Kurzromanen aus der Serie «Winchester (Männer – härter als der Tod)» und «Lassiter – Der härteste Mann seiner Zeit». Einen guten Western hatte ich schon länger nicht mehr in der Hand. Auf dem Umschlag las ich: «Diese Western-Helden enttäuschen nie! Harte Zeiten werden gemeistert durch handfeste Männer.» Das sprach mich an, denn auch ich bin ein Mann – zu grossen Teilen wenigstens. Nach langem Hin und Her griff ich den «Lassiter», eine Schachtel Kaugummizigaretten und trat zurück in die Bahnhofshalle. Wieder blickte ich auf die Uhr. Die Eisenbahn war längst abgefahren. Aber das war nicht schlimm.

Du, lieber Bahnhofskiosk, bist eine Zusammenfassung der Interessen, Sehnsüchte und Leidenschaften der Menschen. Es ist ganz so, als wäre das Äussere der Erde nach innen gestülpt und auf deine Regale verteilt. Du bist ein Abbild der Welt.

Howdy! Yee-haw! Max

PS Song zum Thema: «Surfing Magazines» von The Go-Betweens vom Album «The Friends of Rachel Worth», 2000.