LIEBE WENDY HOLDENER
Nun also geht sie wieder los, die Skisaison. Mir kommt dabei immer ein Tagebucheintrag des vor zwölf Jahren verstorbenen deutschen Schriftstellers Walter Kempowski * in den Sinn, vom 3. Januar: «TV: Endlose Ski-Scheisse. Um 100stel Sekunden geht es.» Ich bin allerdings nicht seiner Meinung. Zwar fahre ich nicht Ski und hege eine gewisse Abneigung gegen das Geräusch von in Gore-Tex-Klamotten steckenden und in Gondeln sich aneinander reibenden Menschen sowie auch ein tiefes Misstrauen gegen die irre gute Laune in Après-Ski-Hütten **, Fernsehsport aber liebe ich ***, auch Skirennen. Hätte ich als Kind gewusst, dass es dereinst Fernsehsender geben würde, in denen nichts anderes läuft als Sport ****, ich hätte wohl erst gar nie einen Beruf gelernt.
Ich liebe auch Hundertstelsekunden. Tausendstel noch mehr. Denn so knappe Tausendstel-Entscheidungen vermitteln ein Gefühl von einer Gerechtigkeit, wie sie ein Mensch im Leben sonst selten findet. Doch darum geht es hier nicht.
Ein Interview mit Ihnen habe ich gelesen, im «Blick». Darin geht es nur um ein Thema: die Umwelt. Sie beklagen den Zustand der Welt, geben sich nachdenklich und erteilen praktische Tipps, wie sie zu retten sei, denn der Klimawandel sei «nicht mehr zu übersehen». Doch noch sei nichts verloren. Beispiel: «Den Wasserhahn beim Zähneputzen abschalten oder das Licht löschen, wenn es nicht gebraucht wird. Dies sind kleine Dinge mit grosser Wirkung.» Am Ende sagten Sie: «Gemeinsam können wir es schaffen.»
Als ich dies las, da rollten meine Augen dahin, wo der Schnee einst herkam. Der Wintersport ist ja kein grüner, sondern ein weisser Sport, aber einer mit viel grauer Energie – und mit so manch schwarzer Schattenseite. Das Interview gaben Sie auch nicht aus freien Stücken. Es war ein bezahlter Beitrag Ihres Sponsors BKW, eines internationalen Energieunternehmens.
Apropos Kohle: Ihr Sponsor BKW, in dessen Auftrag Sie im «Blick» über die Rettung der Welt sinnierten, der ist anscheinend gar nicht so grün. Ich bin kein Energiespezialist, aber man muss nur schnell bei Wikipedia schauen: Die BKW hält beispielsweise eine 33-prozentige Beteiligung an einem Steinkohlekraftwerk in Wilhelmshaven, sie stand wegen eines umstrittenen Windparkprojekts in Norwegen im Gegenwind der Kritik, im Umweltranking einer Studie der Energiestiftung Schweiz belegt die BKW bloss einen Platz im Mittelfeld. Und Sie als Sportlerin wissen doch: das Mittelfeld! Nichts ist schlimmer, als im Mittelfeld zu dümpeln!
Der Trend zum grünen Dasein und der Drang, sich dazu zu bekennen, treibt so seine Blüten, vor allem wenn Sportler involviert sind: Der sechsfache Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton etwa twitterte, dass die Welt nur zu retten sei, wenn wir alle so wie er Veganer würden. Es entbehrt natürlich nicht einer gewissen Ironie, dass dies jemand verkündet, der von einem Autohersteller pro Jahr vierzig Millionen britische Pfund dafür kassiert, dass er im Kreis rumfährt und die Vernichtung fossiler Brennstoffe in ihrer geilsten Form propagiert. Immerhin hat er dann, als etwas Kritik laut wurde, seinen wie ein kandierter Apfel rot lackierten Bombardier-Challenger-Privatjet verkauft, mit dem er gerne seine Bulldogge Roscoe mal schnell von London nach Malibu fliegen liess, damit der dort ein bisschen mit seinem Hundefreund namens Coco am Strand spielen konnte.
Stellen wir das Wasser ab beim Zähneputzen, damit wir mehr davon durch die Schneekanonen jagen können. Löschen wir das Licht, wenn wir schlafen, damit wir damit die Skipisten für Nachtrennen beleuchten können.
Ich sag einfach mal: Achtung, fertig, los!
Max Küng
PS Song zum Thema: «Black Snow» von Oneohtrix Point Never vom Album «Age Of», 2018.
* «Alkor – Tagebuch 1989», Knaus Verlag, 2001.
** siehe Reportage «Ski heil», «Das Magazin», 16. Februar 2002.
*** mit drei Ausnahmen: Dressurreiten, Urban Pole Dancing, Schach.
**** etwa kürzlich, auf La Chaîne L’Équipe, Pétanque-Länderspiel der Damen, Spanien gegen Tunesien: Krimi!